Ausgabe 
29 (25.4.1869) 17
 
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Du warst im Garten,"> begann endlich die ältere Angelika,kannst Du nichtRuhe finden?"

Es war ein schwüler Tag," stammelte die Angeredete,und mein Blut so erhitztvon der Reise, daß ich ein wenig Kühlung in der srischen Nachtluft suchte."

Der Blick ihrer Cousine ward durchdringender.Seltsam," sagte sie,war mirdoch, als hörte ich flüsternde Stimmen von meinem Fenster aus im Garten; ja, als säheich zwei Gestalten am Rande der Fontaine, von denen nur Eine in das Haus zurück-kehrte. Es wird auch wohl nur eine Phantasmagorie der erregten Sinne gewesen sein."

Das junge Mädchen erröthcte.Was willst Du damit sagen," fragte sie zitternd,mit wem soll ich in stiller Nacht im Garten Deines Hauses geredet haben?"

Angelika schwieg. Nach einer Pause ergriff sie beide Hände ihrer Cousine und riefim herzlichen Tone:

O zürne mir nicht, mein Kind, sich', der finstere Dämon, von dem ich Dir er-zählt, kam über mich diese Nacht. Mir war's, als tönte mahnend in mein Ohr derRuf: Du bist verrathen, und auf trieb es mich von, Lager. Mit Fieberhitze durch-glühte es mich, und ich trat an'S Fenster, um im Anblick der friedlichen schlüinmerndeuNatur meine Aufregung zu bemeistcrn. Da war mir'S, pls sähe ich Dich im weißenGewände, und zu Deinen Füßen, den Arm um Dich geschlungen, lag Rudolph, Duerwidertest seinen Kuß und spottetest meiner, der Verrathenen, die doch selbst ein Opferder Verhältnisse ward. Aber jetzt, da ich Dich vor mir sehe, da ich in Dein liebes,treues Auge schaue, da weichen die finsteren Mächte von mir, und ich bin wieder dieAlte, glaubend und vertrauend. Und nicht wahr, Angelika, Du wirst, Du kannst michnicht verrathen!"

Nie, niemals!" rief Angelika glühend, die Arme um ihre Cousine schlingend,eher sterben!"

So laß uns die lang vermißte Ruhe aus's Neue suchen und hoffentlich mit besseremErfolge," sagte diese, einen Kuß auf die Stirne des jungen Mädchens drückend.GuteNacht, mein Kind." Die Verwandten trennten sich, und bald herrschte aus's Neue eintiefes, aber dicseSmal ununterbrochenes Schweigen im Hause des Direktors.

Wochen verstrichen; der Zeitpunkt, wo die Trauung dcS vielbesprochenen Paares-stattfinden sollte, rückte immer näher heran, und mit jedem Tage ging stärker einGeflüster durch die Stadt und die umliegenden Güter. Wetten wurden gemacht, ob-die Ceremonie mit Gepränge oder ganz im Stillen begangen werde, ja Emige wolltensogar behaupten, daß man sie noch am letzten Tage, als nicht stattfindend verkündige..Nur die Hauptpersonen der über sie ergehenden Vermuthungen schienen mehr oder minderdie Unbethciligsten bei der ganzen Sache zu sein.

Sowohl Angelika, als auch Baron Rudolph trugen vor den Augen der neugierigenMenge ein immer gleiches, undurchdringliches Antlitz zur Schau. Allein Gcsichtsmienengleichen den Pulverminen, sie bergen Aufregung unter sanfter, ruhiger Oberfläche, undnur der Eingeweihte vermag sie zu enträthscln.

Dagegen sprach man von einer bedenklichen Abnahme der Geisteskräfte des altemBaron Duroy, der seit einiger Zeit wie ein Einsiedler auf seinem Schlöffe lebte, und-mancher Scharfblickende glaubte bemerkt zu haben, daß diese Jsoliruug von dem Tagean geschehen sei, wo sich öffentlich die Verlobung seines Sohnes mit der Nichte desDirektors ausgesprochen hatte.

Ein peinlicher Zustand herrschte sowohl auf dem Schlöffe, wo sich seit einiger Zcibdie Familien, die bald ein engeres Band vereinen sollte, zusammenfanden, als auch imHause des Direktors. Rudolph, der von Tag zu Tag bleicher ward, bot seine ganze-Kraft auf, um seine Braut über die Wahrheit seines inneren Leidens zu täuschen, das-er ciuer momentanen Unpäßlichkeit zuschrieb.