Ausgabe 
29 (2.5.1869) 18
 
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Mit einem schrillen Accord brach der Gesang des jungen Mädchens ab. Ihr Hauptneigte sich auf die Brust hernieder, und ihre Finger glitten von den Tasten.

Ich kann nicht mehr," flüsterte sie,zu viel der Qual für eine schwacheMädchenbrust!"

Warum fährst Du nicht fort?" fragte der Direktor,das Lied gefällt mir. Nichtwahr, die Erfindung der Composition ist gefällig?" wandte er sich an Rudolph, derwie träumend in einer Ecke des Salons dasaß.

Der junge Mann fuhr empor. Augenscheinlich hatte er nichts von dem ganzenGesänge vernommen.

In der That," stammelte er, obgleich doch etwas trivial.

So gib dem Baron doch jenes Lied zum Besten, das ich so oft in stiller Nacht,wenn mich die Arbeit an meinen Schreibtisch fesselte, oder der Schlaf mein Lager flieht,aus Deinem Zimmer ertönen höre! Mich verlangt darnach, es einmal in der Nähe zuvernehmen."

Angelika zitterte, ihr Geheimniß verrathen zu sehen, denn der Blick, den Rudolphauf sie warf, zeigte ihr, daß er klar in ihrem Herzen las. Eine geheime Ahnung sagteihm, daß jenes Lied mit ihm im Zusammenhang stehe, und deßhalb vereinte er seineBitte mit der des DirekiorS.

Unmöglich!" stammelte die Sängerin,bemerkten Sie nicht, wie meine Stimmeheiser ertönte, wie jene Anstrengung meine Kräfte erschöpft."

Aber der Direktor gab nicht nach. Jener schien eine geheime Freude darin zufinden, das junge Mädchen zum Singen des Liedes zu bewegen.

Sei cS denn," flüsterte sie endlich vor sich hin.Die Saat ist reif, in DeineHände, Gott, lege ich die Entscheidung." Diescsmal zitterte sie nicht, als sie auf'S Neuebegann; ihre Stimme, obgleich glockenrein, klang fest, ja fast herbe, und dennoch durch-drängen die ersten Töne die Seele Nudolphs mit namenlosem Entzücken, denn er erkanntedasselbe Lied, das ihn einst an Angelika'S Seite gelockt hatte.

O still, du Herz. so schmerzensreich,

O künd' ihm nie dein tiefes Sehne»

O färb' dich Wange, hohl und bleichVerstopfe Aug' den Quell der Thränen.

O lächle Mund in leichtem Scherz,

' . Und bricht dir auch vor Weh das Herz

Entsage still, entsage gernWas ewig dir so fern, so fern.

Steigt nicht die Sonn' vom Himmelszelt,

Weicht nicht der bunte Lenz von binnenWie willst denn du, was dir gefälltUm jeden Preis für dich gewinnen?

Der Himmel trau'rt, wenn fern das Licht,

Die Knospe welkt, doch klagt sie nichtEntsag' auch du, entsage gern,

Was ewig dir so fern, so fern.

Und weilt' er auch in deiner Näh'

'Dem deines Busens Wogen schwelle»,

O lasse nie des Herzens Weh,

Bor fremden Augen überquellenDas Schicksal will's, o füge dich

Sein Wort ist unabänderlich.

Entsage still, entsage gern,

Und ob er nah' dir sei er fern.

Noch war die letzte Strophe nicht verhallt, als Rudolph sich von seinem Sitze er-hob und stürmisch das Zimmer verließ, auch die Sängerin schien von ihrem eigenenVertrag aus das Tiefste erschüttert, denn sprachlos, keines Wortes mächtig, lehnte sie inihrem Sessel, und große Thränen rannen langsam die Wange herab.