Ausgabe 
29 (2.5.1869) 18
 
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Der Gerichts - Direktor merkte nichts von diesem Vorfall, er hatte ein eben vomBuchhändler gesandtes juristisches Werk eindeckt und sich eifrig in das Studium desselbenvertieft. Jetzt, da das Lied geendet, blickte er auf.

Wirklich, sehr entsprechend," bemerkte er,und meisterhaft vorgetragen. Aber,"fuhr er fort, sich umsehend,wo ist denn der Baron hingekommen?"

Rudolph ward die Hitze zu drückend," erwiderte rasch die ältere Angelika;auchSie, lieber Oheim, sollten lieber in's Freie."

Ich will in mein Arbeitszimmer," unterbrach sie der alte Herr,dieß Werkinteressirt mich ungcmein und hier würde es mir an der nöthigen Sammlung fehlen."

Mit diesen Worten erhob er sich, und verließ das Zimmer. Die jüngere Angelikasaß da, wie eine Angeklagte vor ihrem Richter, sie wagte nicht das Auge zu ihrerCousine zu erheben, denn eine innere Stimme sagte ihr, daß das Geheimniß ihresHerzens derselben gegenüber kein Geheimniß war.

Und dem war so. Schon feit Beginn des ersten Liedes hatte die Braut jede Be-wegung Rudolphs und Angclika'S beobachtet, der Keim des Argwohns, der nie erstickt,in ihrer Seele geschlummert hatte, wuchs plötzlich riesengroß empor, und sie fragte sichselber, wie es möglich gewesen sei, daß sie nicht bemerkt hatte, wie sehr das jungeMädchen die Leidenschaft ihres Verlobten theilte.

Eine peinliche Stille entstand im Salon. Beide fühlten, daß ein inhaltschwererAugenblick heran nahe, und Beide suchten sich zu demselben zu stärken und zu sammeln.

Die ältere Angelika war es, die endlich zuerst das Wort ergriff. Sie näherte sichihrer Cousine, und die Hand auf den Scheitel des jungen Mädchens legend, sagte siemit leisem Tone:

Angelika, verhülle mir Nichts, Du liebst Rudolph, meinen Bräutigam?"

Das junge Mädchen antwortete nicht, nur das Wogen ihrer Brust verrieth dieErschütterung, die in ihr vorging.

Antworte mir," fuhr Angelika fort,ich will keine weitläufige Erklärung. DaßRudolph Dich liebt, das war mir seit dem ersten Tage, da er Dich sah, kein Geheimnißmehr, aber ich will wissen, ob Du diese Neigung theilst? EinJa" oderNein" istmir genügend."

Da sank das junge Mädchen zu den Füßen ihrer Cousine nieder.O, ich bingrenzenlos elend," flüsterte sie,stoße mich von Dir, Angelika, die Vcrrätherin; denn,ja, ja ich liebe Deinen Bräutigam, liebe ihn glühend, unsagbar."

Ein unwillkürliches Zittern ließ die Gestalt Angclika's erbeben. Aber sogleich faßtesie sich wieder.

Armes Kind," flüsterte sie,welche Qual muß Dir jede Stunde in seinerNähe bereiten?"

O laß mich fliehen von hier," rief do.Z junge Mädchen leidenschaftlich.Du bistgut, wie eine Heilige, Dich zu verrathen, wäre Sünde."

Höre mich denn an, wie es kam, daß ich Deinen Rudolph kennen lernte, welcheseltsame Fügung des Schicksals uns zusammenführte, um uns auf ewig zu trennen."

Erzähle," erwiderte die Cousine milde;laß mich Alles, Alles wissen, vielleicht istnoch ein Weg der Rettung offen."

Und Angelika begann. Sie schilderte, wie von dem ersten Zusammentreffen derBeiden die Liebe in ihrem Herzen erwacht sei, wie sie gekämpft habe, dieselbe zu unter-drücken, bis sie ihn auf's Neue in diesem Hause als Verlobten ihrer Verwandten ange-troffen; aber sie verschwieg auch ihrer Cousine die nächtliche Unterredung im Garten nicht.Und je länger sie redete, je mehr sie ihre eigenen Worte, ihre Stärke der Entsagungverkündete, desto fester ward ihre Stimme.

Ein heiliges Feuer leuchtete aus ihren Augen, und die ältere Angelika war eS jetzt,die durch die einfache, schmucklose Erzählung der Thatsachen fast bis zu Thränen gerührt erschien.