Ausgabe 
29 (2.5.1869) 18
 
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Ich habe Dir nichts zu vergeben," sagte sie, als das junge Mädchen geendet hatte,o wie gerne würde ich Dich am Altar an Rudolph'S Seite wissen, aber das unseligeVerhängniß zwingt mich, und das Herz des Oheims ist härter, als Fels und SteinAber ich muß wissen, ehe jener Tag herannaht, wo des Priesters Wort zwei Unglücklicheauf ewig aneinander kettet, ob auch bei ihm die Zeit, die er selber zur Prüfung seinereigenen Leidenschaft zu Dir bestimmte, seine Gefühle gestillt oder noch mehr entflammthat, und Du, Angelika, sollst es sein, die mir die Botschaft, bringt!"

Ich!" rief das junge Mädchen erschreckt,Gott , was verlangst Du?"

Setz Dich und schreibe!" fuhr, Angelika fast befehlend fort, auf den Schreibtischdeutend.

An wen soll ich die Zeilen richten?"

An Rudolph, meinen Brämigam," erwiderte Angelika.

Niemals!" rief das junge Mädchen glühend,kein Zug meiner Hand dringe jewieder zu seinem Auge; kein Wort meines Mundes zu seinem Ohre. O laß mich nichtlänger der Dämon des Unheils sein, der zwischen Euch steht. Fort will ich, daß meinDasein nicht das Uebel vergrößere, statt es zu heilen."

Und glaubst Du, Dein Bild würde nicht ewig mit aller Glut in Rudolphs Her-zen fortleben?" fragte Angelika.Und selbst, wenn er Dich vergessen könnte, würdestDu einst diese Liebe zu den todten Erinnerungen Deiner Seele werfen?"

Biellsicht!" flüsterte die Gefragte, das Antlitz mit dem feinen Spitzcntuchebedeckend.

Sag' lieber niemals," suhl Angelika fort,denn ich kenne das Mcnschcnherz.Darum, wenn Du mich liebst, so schreib, was ich Dir diktirc."

Sei es denn," versetzte das junge Mädchen, sich an den Schreibtisch setzend unddie Feder ergreifend,Du siehst mich bereit."

Ich muß Sie sprechen, Rudolph!" diktirte Angelika,die Last, die meinHerz bedrückt, würde ich zu ertragen vermögen, bis es bricht, aber jede IhrerThränen, die ich heimlich fließen sehe, Ihr geheimer Kummer vermehrt sei»Gewicht. Ich muß Sie sprechen, muß Sie fragen, ehe es zu spät, ob IhreKräfte der fürchterlichen Aufgabe gewachsen sind, die Sie sich selber auf meineBitte stellten, oder ob ich auf ewig Sie meiden und meine arme Cousine desletzten Herzens, das es treu mit ihr meint, berauben soll. Erwarten Sie michmorgen Nachmittag auf Ihrem Gute"

Großer Gott, nimmermehr!" rief das junge Mädchen, die Feder niederlegend,willst Du Dciu eigenes Urtheil Dir dictirci'!"

Mein Urtheil!" wiederholte Angelika dumpf,darum fahre fort."

Angelika, meine Cousine, ist vorn Hause abwesend, und kehrt vor Abend nichtheim. Am Ende Ihres Parkes steht ein kleiner Pavillon, zu dem man durcheine Scitcnpforte gelangt. Dort werden Sie mich finden, sorgen Sie, daß unsKeiner überrascht und die ernste Stunde zu stören kommt. Um fünf Uhr werdenSie mich an dieser Stätte finden. Angelika."

Das junge Mädchen hatte geendet; sie reichte den Bries ihrer Cousine.

Hier sind die Zeilen," sagte sie,aber nimmer werde ich Ihnen Folge leisten.Rudolph ist zu edel, als daß ich zum Werkzeug dienen möchte, verborgenen Lauschernzu gefallen; seine tief innersten Gefühle an'S Licht zu ziehen."

Du glaubst auch, ich werde mich in dem Pavillon einfindcn?" fragte Angelika,ich würde, wenn er in glühenden Worten Dir seine Liebe schildert, und die Fessel ver-flucht, die ihn an mich ketten, zwischen Euch treten, wie ein unerbittlicher Dämon, ihndurch meinen Anblick zur Beschämung, vielleicht zur Neue zu zwingen? Du irrst, meinKind! Ich verlasse morgen Mittag mit dem Oheim die Stadt, um eine Bekannte vonihm, die ein Gut in der Nähe Rudolph'S bewohnt, und die Alter und Krankheit an ihr