Ausgabe 
29 (9.5.1869) 19
 
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«r fühlte, wie die jüngere Angelika ein zusammen gesalteneS Papier in seineHand drückte.

Seine Braut schien nichts zu bemerken.Ich halte jeden Grund für genügend,"unterbrach ihn Angelika,denn Sie würden mich doch nicht morgen hier antreffen, undich gönne Ihrem Vater, sich einmal ungestört der Gegenwart seines Sohnes zu erfreuen,denn ohne Zweifel werden Sie ihm morgen Gesellschaft leisten."

Rudolph fuhr zusammen.Mein Vater," murmelte er,und ich konnte ihnvergessen! Gott , der Pflichten, die auf mich ruhen, sind so viele, daß die Wahl, welchevon ihnen mir die heiligste, mich zu Boden drückt."

Sie haben Recht," fuhr er laut fort,mein Vater bedarf meiner ganzen Auf-merksamkeit. Gerade sein gänzliches Zurückziehen von aller Welt, sein Stunden langes,stummes vor sich Hinbrüten beunruhigen mich. O glauben Sie mir, es gibt Momente,wo ich mich frage, warum es Gottes Wille, daß er in seinen letzten Jahren noch dieseTage des Jammers erleben muß, warum nicht ein sanfter Engel"

Rudolph," unterbrach ihn Angelika schmerzlich,wozu verleitet Sie Ihr Unmuth?Fassen Sie Muth. Der Himmel verwirft die Wünsche, die blinde Leidenschaft undbitterer Groll in uns hervorruft, aber er hört die stumme Bitte des Elends,- und seinerFügung wollen auch wir uns unterwerfen. Vielleicht erleuchtet er mich, vielleicht aberwozu, thörichte Hoffnungen nähren, des Schicksals Schluß ist unwiderruflich, übermorgenerwarte ich Sie, Baron Rudolph. Jetzt lassen Sie uns einen Gang zur Stadt machen.Angelika wird uns begleiten."

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Ein anderer Tag war erschienen. Eine drückende Hitze hatte sich schon seit demMorgen über die Erde gelagert und flüchtig jagten sich die Wolken am Himmel. Eineliefe Ruhe der Erschöpfung herrschte rings umher, und wie in den sonst so belebtenStraßen der Stadt sich Jeder in den kühlsten Raum des Hauses flüchtete, so war auchauf dem Gute der Duroy's keine menschliche Seele sichtbar. Blumen und Bäume beug-ten die Häupter in Erwartung des nahen Gewitters, und die Vögcl wiegten sich halbträumend auf den Zweigen, sie wußten ja, daß Keiner kommen würde, sie zu stören.

Horch, da knirschte es am Ende des Parkes, als wenn ein leichter Tritt den feinenSand berühre. Das Geräusch eines Schlüssels ward hörbar, und durch eine kleine,unscheinbare Pforte trat eine weibliche Gestalt, sich vorsichtig nach allen Seiten umsehend,in den Park. Ein dunkler Schleier verhüllte ihr Antlitz, und ein Kleid von schwarzemFlor umschloß enge ihre Gestalt.

Er ist noch nicht hier," flüsterte die Unbekannte,ich komme noch zu rechter Zeit,sonst hätte er die Pforte geöffnet; aber rasch in den Pavillon, ehe es zu spät ist."

Mit hastigen Schritten eilte sie an den kleinen hölzernen Pavillon, der sich aufeinigen Stufen vor ihr erhob. Sie zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche ihresGewandes, und öffnete mit seiner Hülfe die Thür desselben.

Keiner wird ahnen, daß ich hier anwesend bin," flüsterte sie vor sich hin,verzeihauch du mir, Gott, wenn ich eine Sünde begehe, allein ich kann nicht anders den«nicht Egoismus, nicht Neid und niederes Verlangen führt mich an diese Stätte."

Mit diesen Worten verschloß sie von innen den Eingang wieder und blickte in demkleinen Rauni umher. Derselbe war einfach decorirt, und die ganze Einrichtung bestandaus einer Causcuse und wenigen Sesseln, nebst einem kleinen Schreibtisch, der Causeusegegenüber, dessen Hinterwand ein Spiegel bildete.

Das Frauenzimmer schlug den Schleier zurück, es war Angelika, die Braut Nu-dolph's, die sich an dem Ort der Zusammenkunft ihrer Cousine und ihres Verlobten befand.

Wo mich verbergen?" flüsterte sie,ohne daß man die Horcherin entdeckt? Unddoch ist es unerläßlich, daß ich dieser Unterredung beiwohne, denn ihre Entscheidung sollauch für mich entscheidend sein."