Ausgabe 
29 (9.5.1869) 19
 
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Da fiel ihr Blick auf eine Portiere von schwerem dunklen Stoffe, die hinter derCausense von der Decke hernieder hing und fast die ganze Breite des Pavillons einnahm,dieselbe hatte früher dazu gedient, eine kleine Bibliothek zu verbergen, aber jetzt war derRaum leer und unbenutzt.

Ein Strahl der Freude blitzte in Angelika's Augen, aber zu gleicher Zeit horchtesie auf, die Tritte eines sich dem Pavillon Nahenden schallten durch den Sand des Parkes.

Er ist es," flüsterte sie,jetzt Gott gib mir Fassung, laß mich Alles erfahren."

Rasch trat sie hinter den Vorhang, und schon im nächsten Augenblick ward leisedie Thür des kleinen Gebäudes geöffnet, allein statt des erwarteten Nudolph's war essein Vater, der alte Baron Duroy, der ein kleines Kästchen in der Hand, im Innerndesselben erschien.

Leopold von Duroy war in dieser kurzen Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit gealtert.

Aber heute schien ihn eine krampfhafte Energie zu beleben, denn sein Schritt warfest und sein Antlitz ungewöhnlich gcröthet.

Nachdem er sorgfältig wieder zugeschlossen hatte, setzte er den Kasten nieder undtrat an das Fenster.

Es muß sein," sprach er halblaut vor sich hin,selbst die Natur ist wider mich,kein freundlicher Sonnenstrahl leuchtet mir auf meinem letzten Pfad, aber freilich demVerbrecher ziemt Finsterniß und Trauer. Mir bleibt nichts übrig, als der Tod," fuhrer in seinem Selbstgespräch fort.Was soll mir ein Dasein, das mir selber undAnderen zur Last? Dann wird die Rache Robcrt's gestillt und über meine Leiche wirdein neues Glück meinem Sohne erblühen. Und besser Tod für mich, als das Loos, dasmeiner harrt. Dem Leichnam wird jener unerbittliche Mann wohl die Stätte gönnen,die er dem Lebenden verweigert."

Er setzte sich an den Schreibtisch und ergriff die Feder. Aber sogleich warf er siewieder nieder.

Ich vermag nicht zu schreiben, mein Kopf brennt wie im Feuer, und mein Blutsiedet. Komm denn her, du einzige Rettung vor Schmach und Schande, der Druckdeines Hahnes, der meinem Leben ein Ende macht, rettet meinen Rudolph vor demUnglück. Und du, Gott, der du tief in mein Herz siehst, das die Reue foltert, laßmeine Schuld mit diesem Opfer gesühnt sein, es ist das Höchste, das ich zu bringenvermag."

Mit diesen Worten öffnete er den Kasten, und der Lauf einer Pistole glänzte inseiner Hand. Aber schon im nächsten Augenblick prallte er zurück; die Waffe entfielseiner Hand, denn in dem Spiegel des Schreibtisches erblickte er das todtcnbleiche AntlitzAngelika's, die zwischen den Falten der Portiere erschien.

Sie hier," stammelte er,was bedeutet Ihr Erscheinen an diesem Orte, meinFräulein, was soll dies Verbergen?"

Eine Fügung Gottes!" unterbrach ihn Angelika feierlich.Er will, daß Sieleben, denn wenn ein Opfer nöthig ist, so will ich es sein."

Sie sehen den letzten Ausweg meiner Verzweiflung;" rief der Greis,Ihnenbrauche ich nichts mehr zu verhehlen, gibt es noch einen anderen?"

Das Mädchen erwiderte nichts; sie schien auf ein fernes Geräusch zu achten.Um Gotteswillcn still," flüsterte sie;verbergen Sie sich mit mir hinter jene Portiere.Er kommt."

Wer?" fragte der Baron erstaunt,weßhalb diese seltsame Zumuthung?"

Ihres Sohnes, Ihres Nudvlph's willen!" erwiderte Angelika hastig.AllesAlles soll Ihnen klar werden; aber folgen Sie mir, ehe Alles zu spät ist."

Sie zog den widerstandslosen Mann mit sich fort, und kaum hatten sich die Faltender Portivrc über Beide geschloffen, als Rudolph im Eingänge des Gemaches erschien;aber der Baron war nicht allein. An seiner Hand führte er die jüngere Angelika, deren