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Gestalt ein schlichtes, hochreichendes weißes Gewand umhüllte. DaS junge Mädchen schienein geheimes Mißtrauen zu empfinden. Sie blickte forschend ringsum.
„Wir sind allein," sagte Rudolph, der diesen Argwohn bemerkte, „Sie sehen, ichselber war es, der die Thür verschloß, — zu der Keiner den Schlüssel besitzt, als meinVater, und Baron Leopold weilt auf seinem Zimmer."
Mit diesen Worten geleitete er das junge Mädchen zur Causcuse, er selbst nahmihm gegenüber in einem Sessel Platz.
Es war unterdessen dunkler geworden; — der Horizont hatte sich vollständig mitschwarzem Gewölk überzogen, und ein dumpfes Grollen verkündete das nahende Ungcwitter.
„Herr Baron," begann Angelika mit zitternder Stimme, „Sie werden eS sonder-bar finden, daß ich, das junge Mädchen, es abermals bin, die Sie zu einer verborgenenZusammenkunft nöthigt. Allein Ihr Edelmuth ist mir Bürge, daß ich mich niemals vordem Auge GotteS , -— noch dem der Menschen — dieser Stunde zu schämen nöthig haben werde."
„Angelika!" rief Rudolph, „Du bist mir theurer, wie ein Engel des Lichtes, eherwürde ich sterben, ehe ein Wort blinder Leidenschaft Dein Ohr erreichen dürfte. Alles,Alles, was ich Dir sagen will in dieser Stunde — was sich herausdrangt allen starrenFormen, allem Menschcnwillen zum Trotz, das laß mich pressen in ein einzig Wort —Angelika, ich liebe Dich — möge der Himmel stürzen über mich, nimmer — nimmerkann ich von Dir lassen."
Das junge Mädchen stieß einen Schrei aus. „Großer Gott, und Ihre Braut —meine Cousine?" stammelte sie.
„Ich darf ihr Leben nicht v rgiften," rief der junge Mann glühend. „Sie hatmir eine Unterredung bewilligt, in ihr will ich Verzicht leisten auf ihre Hand."
„Unglücklicher, und Ihr Vater?" — rief Angelika, bleich vor innerer Erregung.
„Gott ist mein Zeuge — ich that, was eine Mcnschcnkraft ertragen kaun; Ueber-menschliches zu ertragen, vermag ich nicht. Schon wollte ich sterben, um diesen Qualenzu entrinnen, aber der Gedanke an Dich, Mädchen, fesselte mich an das Leben, wie denMärtyrer der Gedanke an die Seligkeit, die seiner harrt. Tage, Nächte lang rang ichin wechselnden Entschlüssen, und keiner blieb mir, als der, Dich zu besitzen — und seies um jeden Preis!"
„Wie Rudolph, Sie opfern Ihren Vater auf, um eine Leidenschaft zu befriedigen?"fragte Angelika vorwurfsvoll, „was soll aus dem unglücklichen Greise werden, wenn Siedie Verbindung mit meiner Cousine noch im letzten Augenblicke brechen. Der Direktorwürde diese furchtbare Schmach doppelt rächen!"
„Frage nichts, wenn Du mich nicht zum Wahnsinn bringen willst!" — rief derBaron glühend, „heiß mich hingehen und jenen Mann tödtcn, in dessen Händen das Ge-schick meines Vaters ruht, heiß mich selber fälschen und betrügen — Alles, Alles, nurDir zu entsagen, vermag ich nicht!"
Er war bei diesen Worten zu Angelika'S Füßen niedergesunken, und drückte dasglühende Antlitz in den Saum ihres Kleides. DaS junge Mädchen erhob sich.
„Rudolph!" — fragte sie mit sanflem Tone, die zarte Hand auf das Haupt desKuicenden legend, „wie soll all' dies Leid enden?"
„Laß uns fliehen!" — rief der junge Mann stürmisch; „weit, weit von hier, woNiemand uns kennt; dort laß uns das Vergangene vergessen und nur der Gegenwartleben. Dort, wenn die Wellen des Oceans zwischen uns, will ich selig schauen in DeinblaueS Auge und Vergessenheit trinken von Deinen Lippen; dort"
„Sie lästern, Rudolph!" unterbrach ihn Angelika. „Wie soll unsere Liebe, dierein und heilig vor dem Auge Gottes dasteht, den Anschein einer abscheulichen Intrigueerhalten? Niemals würde ich in diesen Schritt willigen!"
Der junge Mann erhob sich. „So weiß ich, was mir übrig bleibt," — sagte erfinster, „ehe der verhängnißvollc Brauttag..."