Ausgabe 
29 (9.5.1869) 19
 
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Und stürmisch erhob er sich von seinen Knien.Ich weiß eS wohl. Du hast michnie geliebt, ein bloßer Hauch des Windes waren Deine Worte, denen ich so elend warzu vertrauen. Ja, wenn Du die Glut wirklich theiltest, wenn auch in Deinen Adern esstürmt und gährt in unendlicher Leidenschaft, Du würdest nicht so kalt dastehen, währendmich die Glut verzehrt und mit starren Vernunftgründen mein überwallendes Gefühlzum Schweigen bringen."

Der Ausdruck einer tiefen Kränkung färbte das bleiche Antlitz des jungen Mädchensfür einen Moment.

Habe ich diesen Vorwurf verdient, Rudolph?" rief sie.Soll ich es Ihnen dennwiederholen, daß auch ich Sie liebe; schrankenlos, ohne Gränzen! O hüten Sie sichauch, den letzten Damm in dieser Brust zu sprengen, und die verheerenden Wogen mächtighereinbrechen zu lasten; Hinausrufen möcht' ich's über Stadt und Land ertönen lastendas heilige Evangelium. Rudolph, ich liebe Dich!"

Der Baron stieß einen Ruf des Entzückens aus, aber von ihm zurücktretend,fuhr Angelika fort:

Möge denn auch die letzte Schranke zwischen uns fallen. Vernehmen Sie dasGcständniß, ihre Braut weiß um meine Liebe; ich habe kein Geheimniß mehr fürAngelika!"

Und was erwiderte Angelika,' meine Braut?" flüsterte Rudolph tonlos.

»Daß sie im Innersten diese Verbindung beklage, aber der Wille ihres OheimSunwiderruflich sei," entgegnete das junge Mädchen.

Unwiderruflich!" wiederholte Rudolph bitter;hat dieser Mann auch die Macht,ein verzweifelndes Dasein vor den Pforten der Ewigkeit an den Traualtar zurück zuzwingen?" _ (Forts, f.)

Aus dem heiligen Lande

Bon Zeit zu Zeit werden Aufforderungen zur europäischen Besiedelung des gelobtenLandes erlassen, die in der Regel aus religiösen Motiven hervorgehen. Die ersten An-siedler kamen aus Nord-Amerika und wählten für ihren Versuch Artas bei Bethlehem,wo es viel Wasser gibt. Sie geriethen jedoch in große Noth, die natürlich zu Zwistig-keiten und weiterhin zur Auflösung der Gesellschaft führten. Dann kamen Deutsche, auchsie mußten aber ihre bei Jaffa gegründete Kolonie binnen Kurzem wieder aufgeben. Eben-falls die Umgegend von Jaffa sah eine NiederlassungAdams City" verunglücken, dieschon nach einem Jahre (1867) einging. Noch besteht die Niederlassung der Tempel-freunde in Galilüa, aber nicht in der glücklichen Lage, die zuweilen in Zeitungsnachrichtenfigurirt hat, sondern halb erdrückt von Noth und Elend. Es ist gewiß, daß es reiche,für den Weizenbau äußerst ergiebige Ebenen und Gebirgsgegenden gibt, wo die Oelbaum-uud Weinstockzucht mit dem lohnendsten Erfolge betrieben werden kann. Der schwarzeBoden des ZordanthaleS gestattet den Anbau von Baumwolle und Zuckerrohr und jen-seits des Flusses befinden sich ausgedehnte Gebiete, die von jeher wegen ihrer Fruchtbar-keit berühmt gewesen sind (Micha 7, 14). Dagegen sind alle anderen als die Boden-verhältnisse ungünstig. In den Ebenen und ganz besonders im Jordanthal ist das Klimahöchst ungesund. Auf dcu Bergen können Europäer ohne Nachtheil leben, wenn sie sichzur Sommerszeit der Sonne uicht aussetzen. Daraus folgt, daß die Einwanderer ge-nöthigt sind, sich der Hilfe und der Dienste der Eingeborenen zu bedienen, daß sie dieschwierige arabische Sprache erlernen, sich in die Sitten und Anschauungen der Leutefügen und mit den Behörden auf gutem Fuß stehen müssen. Die letztere Bedingungeines guten Fortkommens ist die unerläßlichste und zugleich die schwierigste. Die türkischeRegierung muß sich von den Großmächten immerfort belehren und tadeln lassen. Siekann dieses Hofmeistern der Diplomaten nicht abweisen, rächt sich aber dafür an denFremden, die in ihr Land kommen.