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Das «Dach der Welt."
Rußland hat bekanntlich in neuerer Zeit seine Besitzungen in Asien beträchtlich er»wcitert. Im vergangenen Jahre bekriegte eS das industriereiche Land Bokhara oderBuchara, nahm Samarkand, die einstige Residenz Timurs , ein und herrscht gegenwärtignicht nur über den ganzen nördlichen Theil Turans (Turkistan ) niit dem Aral-See,sondern übt auch die Oberherrschaft über die meisten Staaten des andern Theils diesesLandes aus. Völlig unabhängig ist nur noch das Khanat Kunduz, ein an Lapis Lazuli ,Rubinen und Blei reiches Land, das aber zu den unbekanntesten Stellen der Erde gerechnetwerden muß. Südlich von den neuen Erwerbungen Rußlands und nördlich von dembritischen Machtbereich liegt es — vielleicht über kurz oder lang ein EriS-Apfel für beideMächte — fast in Mitte Asiens und erhebt sich in dem von Nord nach Süd streichendenBolor-Tagh oder Nebel-Gebirge (dem Jmaus der Alten) bis zu einer angeblichen Höhevon 15,000 Fuß. Der Rücken dieses Gebirges soll 20 Meilen breit sein; er heißt dasPlateau von Pamir oder das «Dach der Welt". Es erscheint als Bindeglied zwischendem Thian-Schan (Himmelsgebirge) einerseits und dem Küenlücn andererseits. Letzterenüberstieg der bayerische Gelehrte und Reisende Hermann v. Schlagintweit-Sakünlünskiund entdeckte dort nordwärts der rcchtswinkelichcn Biegung des Indus den zweithöchstenBerg der Erde, den über 26,500 Fuß messenden Dapsang. Um die Hochebene vonPamir selbst gruppiern sich turkistanische Landschaften, die, dem Europäer verschlossen,„dunkle Partien in der Geographie bilden". Man bezeichnet zwar jene Gegend alsein von Handelsstraßen durchzogenes Gebiet, als den Weg, auf welchem von Indien diebuddhistischen Missionäre nach China eindrangen, als den Sammelplatz, nach welchemrömische Kaufleute auf der „Seidenstraßc" kamen, um die damals so kostbare Seide nachdem Westen zu führen, woran noch die Reste eines großen Karawanserais, des „steinernenThurmes", erinnern, bei welchem der Waarenaustausch stattfand; im Bereiche der wissen-schaftlichen Forschungen erscheinen aber jene Gebiete noch immer als eine terru inevAMta.Nun soll es auch dort Licht werden und zwar mit Hilfe indischer Feldmesser. Der hoch-verdiente Chef der indischen Landvermessnng, Coloncl Walker, benachrichtigte Dr. Peter-mann, er habe cingeborne indische Geodäten ausgesandt, nm die ganze so wenig be-kannte Region zwischen 36 und 40" nördl. Br., 68 und 740 östl. L. von Greenwich aufzunehmen und hoffe in 1 bis 2 Jahren die Materialien zu einer korrekten Karte der-selben beisammen zu haben. Inzwischen erhielt die Geographische Gesellschaft in London eine Karte der das Pamir -Plateau umgebenden Landschaften, welche Mr. Hayward nachden Reisen und Tagebüchern eines Jarkandcr Kaufmanns entworfen hat und worausunter Andern zu ersehen ist, daß ein bequemer, nicht sehr hoher Paß über das Bolor-Gcbirge führt. Hayward beabsichtigt auch selbst an der Erforschung jener Gegendentheilzunchmcn und will, als Eingeborner verkleidet, über Kaschmir nach Jarkand undKaschgar gehen und auf dem Rückweg die Pamir-Steppe überschreiten, um nach Jellala-bad und Pcschawur zu gelangen. (B. L.)
Eine protestantische Stimme über Pins IX. Die in Paris erscheinendeProtest. Zeitschrift Temps enthält eine Correspondcnz aus Rom, der wir folgende Beurthei-lung unseres glorreich regierenden Papstes entlehnen: „Seit einiger Zeit hat man inRom eine gewisse Hoffnung auf den guten Willen der hohen Pforte. Pius IX'., dermit erstaunlichem Eifer um die Ausbreitung der Kirche, die Errichtung neuer Bisthümer,die Bekehrung der Engländer, die Rückkehr der Griechen und andere weithinaussehendeProbleme beschäftigt ist, hat eine Wiederaufnahme des Strcbens Eugens IV. im Concilevon Florenz vorbereitet. Dieser eminente Papst, einer der größten, den es vom kirch-lichen Standpunkte je gegeben hat, geht jeden Morgen in seinen regelmäßigen Audienzenmit Priestern und Prälaten, die Special-Studien obliegen, auf das allergenaueste in