Nro. 20.
16. Mai 1869.
Ein Herz voll Liebe kaun Alles verzeihen, sogar Härte gegen sich, aber nicht Härtegegen Andere, denn jene zu verzeihen, ist Verdienst, diese Mitschuld.
Die Entsagenden.
(Fortsetzung)
„Rudolph!" unterbrach ihn Angelika, „entweihen Sie nicht diesen heiligen Moment,wo ich komme, Ihnen mein ganzes Herz zu erschließen. Daß ich Sie an diesen Ortberief, geschah auf Veranlassung meiner Cousine. Angelika wünscht, daß ich ihr denInhalt unserer Unterredung mittheile; so groß auch ihre Liebe zu Ihnen ist, so sinnt siedoch auf die Möglichkeit, Ihnen zu entsagen.'
„Welches Schicksal riß diese edle Seele mit in den Kreis dieser Verirrungen?" —rief der Baron schmerzlich; „o glauben Sie mir, so leidenschaftlich ich Sie liebe, so sehrverehre ich Ihre Cousine, wie eine Heilige — aber selbst eine Heilige vermag nichtsgegen den starren Willen eines Mannes, wie dieser Direktor, und nimmermehr würde ichzugeben, daß Angelika durch uns zu einem Opfer veranlaßt wird, denn ich kenne diesedle Herz, das selbst des Größten fähig."
„Nein, mein Freund, lassen Sie uns die Opfer sein dieses Verhängnisses, und in-dem wir fremde Schuld sühnen, uns ewig gehören ohne Trennung, ohne Furcht vorSchande und Menschenelend."
„Angelika," flüsterte der Baron, „ich zittere, — Dich zu verstehen, und doch walltmein Herz in unaussprechlichem Jubel."
„Würde ich fliehen," fuhr das junge Mädchen fort, „ich würde keinen Tag, keineNacht der Ruhe finden; denn meine Sehnsucht nach Dir würde mein Leben elend machen,wie der Gedanke, daß Du diese Sehnsucht theilen würdest, und vielleicht bald durch einenDruck Deiner Waffe einem unerträglichen Dasein ein Ende machen würdest. Nur alleinmit Dir vereint, vermag mein armes Herz noch Ruhe zu finden, wir wollen fliehen,Rudolph, aber nicht wo Mcnschenaugcn und Menschenlippen uns an eine schmachvolleVergangenheit mahnen, sondern dorthin, wo die allewige Liebe wohut und der unver-siegbare Born der Gnade aus dem Schooße des mildesten der Richter quillt; wir wollenfliehen zu Gott, mein Rudolph, in den Tod."
Ein dumpfes Rollen des Donners begleitete die letzten Worte des jungen Mädchens,und zu gleicher Zeit erleuchtete ein greller Blitzstrahl den kleinen Raum.
„Ja, sterben!" rief der junge Mann leidenschaftlich, „vereint mit Dir wallen durchdie Thore der Seligkeit. O käme jetzt ein Blitzstrahl des Himmels auf uns hernieder,und riefe uns vereint zu höheren Gefilden; — o, jetzt sterben in diesem Augenblick derhöchsten Seligkeit! Angelika, Angelika! wer sendet uns den milden, gütigen Engel, derin diesen Stunden uns von einem Dasein des Wehs befreit?"
Da siel sein Blick, der durch den dunkel gewordenen kleinen Raum schweift, auf denTisch, ein neuer Blitzstrahl verbreitete eben eine blendende Helle.
„All' ihr guten Mächte," rief Rudolph, „ihr selber seid es, die ihr unserem Planeuren Beifall leiht — ihr selber zeigt uns den Pfad der Rettung aus diesem Labyrinthe.Blick her, Geliebte," fuhr er fort, „die Rettungsstunde schlägt, wir werden nicht lebendmehr diesen Pavillon verlassen!"