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Angelika wandte sich um, aber ein lauter Ruf, der ihren Lippen entfuhr, ließ auchRudolph sich umwenden. Am Tische stand die Braut des Barons, den Schleier vombleichen Gesicht zurückgeschlagen, und neben ihr Baron Leopold, dessen Hand krampfhaftdie Pistole umklammert hielt. Eine lange peinliche Stille entstand im Pavillon; Keinerwagte zuerst die Stimme zu erheben. Die Nöthe der Entrüstung stieg in das Antlitzdes jungen Mannes. „Fürwahr," sagte er, „nun kann der Vorhang fallen, das Trauer-spiel ist zur Comödie geworden, und es fehlt nichts weiter, als ein dankbares Publikum,das uns beklatscht. Doch das Publikum ist ja vorhanden," fuhr er fort, auf seinenVater und seine Verlobte deutend, „und die Herrschaften scheinen zeitig genug ihre Plätzeeingenommen zu haben, um nichts von deni Schauspiel zu verlieren."
„Halten Sie ein, Rudolph," fiel die ältere Angelika ihm in die Rede, „entweihenSie nicht diese ernste, inhaltsschwere Stunde. Ja, ich läugne es nicht, ich war es, dieAngelika veranlaßte, Ihnen ein Rendezvous an diesem Orte zu geben, aber ich ver-schwieg ihr, daß auch ich mich hier einsinken werde, und daß ich diesen Entschluß faßte,geschah, weil ich Sie retten, vielleicht Sie Beide glücklich machen will."
„Rudolph," fuhr sie fort, „danken Sie der gütigen Vorsehung, die oft, was unsdie schwerste Prüfung scheint, zu unserem Heil dienen läßt; danken Sie ihr, die mich andiese Stätte führte, denn ohne meine Gegenwart wäre Ihr Fuß beim Betreten diesesPavillons über einen blutigen Leichnam gestrauchelt, über den Leichnam Ihres Vaters!"
„Großer Gott!" rief Rudolph, auf Baron Leopold zueilend, „mein Vater!"
„Ihr Vater," wiederholte Angelika. „Dieselbe Waffe, die Ihr Leben, das LebenIhrer Geliebten zu enden bestimmt war, sollte auch zu seiner Todeswaffc dienen. Indemer sich opferte, gedachte er, Sie zu retten!"
Tief ergriffen breitete der alte Baron seine Arme aus. „Rudolph," stammelte er,„Gott ist meiiz Zeuge, um Dich wollt' ich in den Tod gehen, kannst Du mir jetzt ver-geben, was ich an Dir that?"
Rudolph warf sich in die Arme des Alten. „Gott !" rief er, „warum mußtestDu erst so viel Schuld begehen lassen, daß so viel Buße nöthig ist, sie zu sühnen."
„Hört mich an," begann die ältere Angelika jetzt auf's Neue — „Nächte der Her-zensqual von keinem Schlummer gelindert, — brachte ich ine Gebete zu dem allgütigenLenker des Schicksals, um einen Ausweg aus diesem Labyrinthe anflehend. Und ich fandihn — fand das einzige Mittel, den Willen meines Oheims Euch zum Heil zu lenken.Aber dieses Mittel ist eine neue Schuld, ein neuer Betrug, und ehe ich zu diesemAeußerstcn schritt, mußte eine Katastrophe, wie die heutige, mein Gewissen beruhigen. —Was willst Du thun?" fragte Angelika zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, —„können, dürfen wir von Dir Rettung empfangen? Denn meine Ahnung sagt mir,daß der Anfang unseres Glückes zugleich das Ende des Deinen sein wird!"
„War ich jemals glücklich?" unterbrach ihre Cousine sie trübe; „ich habe gesucht
und nicht gefunden, ich hoffte und ward getäuscht, und Täuschung ist der Faden, der
sich um mein Dasein schlingt, und um jede Freude, jede Hoffnung seine Knoten knüpft.Ich schaffte tnir Ideale, die nie cxistircn, lebe in einer Welt, die mir fremd erscheint —wie sollte ich mich darin glücklich fühlen?"
„Versteht mich recht," fuhr sie fort, da sie die ängstlich fragenden Blicke auf sichgerichtet sah, „ich denke nicht, Eurem Beispiel zu folgen und frevelnd Hand an meinDasein zu legen, das ich von Gott empfing. Aber ich bereite mir ein Glück, indem ichvon Erinnerungen zehren werde, und der Gedanke wird mich beseligen, daß ich es bin,die Sie, Rudolph, vor dem Ihrer harrenden Schicksal bewahrt hat."
„Angelika!" rief der junge Baron, „o wüßten Sie —"
„Still!" — unterbrach ihn seine Braut. „Lasten Sie mich Ihnen jetzt sagen,
wie Sie sich zu verhalten haben. Ich habe bereits meinen Oheim ersucht, die Trauungohne Zeugen in der Kapelle dieses Gutes stattfinden zu lassen; mein würdiger Freund,