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Schützet die Singvögel.
Im Jahre 1766, als die Franzosen ins Land gefallen waren, und ganz Deutschland vonWasfenlärm wiederhallte, war der bergische Landstrich zwischen Sieg und Wupper neutralesGebiet, wie das im Jahre vorher nordwärts der Wupper gewesen. Davon wußten uns diealten Leute zu erzählen, wie im neutralen Gebiete die aus den Kampfgegenden verscheuchtenSingvögel zusamengedrängt waren, so daß in jeder Gartenhecke Dutzende von Nachtigallenne-stern, und alle Obst- und Waldäume voller Vogelnester, und sogar die Dachrinnen der Häu-ser von den friedenerfrenten Sängern zum Msten gewählt wurden. Da wurde im Feld undin den Gärten das Ungeziefer so rein vertilgt und die Obsthöfe so gründlich gesäubert, daßman keinen Uugezieferschadeu wahrnahm und kein wurmstichiger Apfel zu finden war, woge-gen man außerhalb der Friedenslinie, wo die ackerbaufrenndlichen Vögel, nicht aber das feind-liche Ungeziefer durch das immerwährende Schießen vertrieben waren, Felder, Gärten undBaumhöfe von Raupen und anderm verderblichen Geschmeiß verdorben sah. So fördert derKrieg das Ungeziefer nicht bloß unter den Menschen. Der um die Landwirihschast und denObstban verdienstvolle Rath Deycks zu Opladen hat diese Beobachtung in seinem Tagebucheaufgezeichnet und pflegt als Beleg zur Nothwendigkeit des Singvogelschutzes den Schulknaben zu er-zählen. Zwei Dutzend Jahre darauf, als man im Siegkreise die Spatzen nach ortspolizeilicherVorschrift beinahe vertilgt hatte, fand man, durch Ranpenschaden belehrt, nichts Bessereszu thnn, als diese Thiere wieder anzuschaffen, deren Nützlichkeit den Schaden vielfach über-wiegt. Siehe, lieber Landmann: das Vögelein braucht dich nicht um Gnade und Barmherzig-keit anzuflehen, daß du ihm ein friedsames Nistplätzchen gönnest. Wenn Rechtsgefühl in dir lebt,so wird das dir sagen, daß es um dich verdient hat, daß du es in Schutz nehmest und treu-behütest wie deinen Augapfel; auch daß du deine Kinder, die vorwizigen, muthwilligen Kna-ben und jeden fremden Vogelsteller abhaltest, ein Nest anzurühren oder Netze und Schlingenzu spannen auf deinem Eigen, in deinem Walde oder anderswo, Das zutrauliche Vögelein hatdas Vertrauen zu dir gehabt, daß du es schützest, sonst würde es sein Nest fernhin gebautund dich geflohen haben. Dies Vertrauen schon verpflichtet dich. Es geht ein altes Wort durch'sdeutsche Land von deutscher Treue. Erzeige diese Treue auch dem geringen Geschöpfe, das seinLiebstes auf der Welt, seine Brüt, deinem Schutze und deinem Wohlwollen, das es redlichverdiente, anvertraut hat. Nirgendwo wird die Ausübung der Treue und schuldigen Dankbar-keit so handgreiflich gelohnt werden, als durch deu Vogelschutz.
Praktische Verwendung eines Duells. Zwei junge Leute in Paris , ErnstG. und Julius C., die in einem und demselben Geschäft angestellt waren, verliebten sichgleichzeitig in die Tochter ihres Prinzipals und ihre Eifersucht gegen einander führte bald,obgleich sie von Kind auf Freunde gewesen waren, zu einem unauslöschlichen Haß. Einstgab der eine dem andern in einem Cafö aus geringfügiger Ursache einen Schlag ins Gesichtund die Folge davon war eine Forderung in aller Form. Man einigte sich auf Pistolen unddas Duell sollte im Boulogner Gehölz stattfinden. Zwei Wagen standen bereit und alle Vor-sichtsmaßregeln waren getroffen, um für den Fall eines unglücklichen Ausganges dem Ueber-gebenden rasche Flucht möglich zu machen. Ernst G. batte den ersten Schuß, und kaum hatteder Rauch seiner Pistole sich verzogen, so sah er seinen Gegner in den Armen der Sekun-danten liegen, der entsetzt ausrief: Retten Sie mich! Er ist todt! Ohne aufzusehen, sprangder unglückliche Schütze in den Wagen und entkam ungehindert nach dem Bahnhöfe, und vondort nach Belgien, wo er in Brüssel seinen Auferthalt nahm Nach einem Monate fiel ihmein Pariser Blatt in die Hände, und er wollte seinen Augen nicht trauen, als er darin dieVermählungs-Anzeige seines todt geglaubten Freundes mit der Tochter seines Prinzipals laS.Ohne Zögern eilte er nach Paris zurück und hier erfuhr er endlich die Lösung des allerdingsnicht feinen Scherzes. Jnlius C.,der feines Gegners Ungeübtheit in der Führung der Waffenwohl kannte, hatte sich mit seinen Zeugen dahin verständigt, daß er sich nach dem ersten