Ausgabe 
29 (23.5.1869) 21
 
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IVro. 21.

23. Mai 1869.

Augsburaer

Augsburaer

Wirf, du Erdensobn, deinen Anker nickt in die Tiefe des Erdenschlammes, sondern indie Höhe des Himmelsblaues vnd dein Schiffiein wird fest ankern im Sturm.

Jean Paul .

Die Entsagenden.

(Schluß)

Der vcrhängnißvolle Tag war erschienen; zur großen Enttäuschung der aristokra-tischen Kreise der Residenz und der umwohnenden Gutsnachbarn hatte keine Einladungzur Trauungs-Feicr stattgefunden, die wie man wußte in der Kapelle des SchlossesDuroy vor sich gehen sollte. Nie war indessen die Chaussee, die vom Hause des Direk-tors nach dem Gute führte, von Equipagen und Spaziergängern so belebt gewesen, alses heute der Fall war, und mit fast zudringlicher Neugier umdrängte man die fest ver-schlossene Kutsche, die vor dem Hause der Braut hielt.

Jetzt öffnete sich die Thür und geführt von ihrem Oheim erschien Angelika in einemeinfachen Brautkleidc von weißer Seide; aber das Antlitz mit einem fast undurchdring-lichen Schleier bedeckt, so daß es unmöglich war, auch nur den kleinsten Zug desselbenzu erspähen.

Hastig stieg sie in den Wagen, ohne einen Blick auf die Menge zu werfen, die dasAuge des Direktors mit dem Ausdruck des Zornes streifte. Ueberhaupt erschien der alteHerr bleich und aufgeregt, wie Einer, der mit sich selbst nicht zufrieden ist.

Der Wagen flog davon. Beide, Oheim und Nichte, wechselten kein Wort zusammen.Angelika schlug den Schleier zurück, ihr Antlitz war bleich, aber vollkommen ruhig.

Sie scheinen nicht wohl, lieber Oheim," begann sie nach einer Weile,ich findeSie diesen Morgen angegriffen."

Du hast Recht," erwiederte der Direktor.Ich habe die ganze Nacht schlafloszugebracht; erst gegen Morgen schlummerte ich ein und hatte einen Traum, o > einenTraum! Sprechen wir nicht mehr davon," brach er kurz ab, sich in die Kiffen desWagens zurücklehnend.

Aber gleich darauf war er es selbst, der wieder das Wort nahm.Hast DuNachrichten von Deiner Cousine?" fragte er,muß der Teufel der Eifersucht DichPlagen und das Mädchen entfernen, ich hätte Dich für vernünftiger gehalten."

Der Anfing eines Lächelns überflog die feinen Züge der Braut.Waren Sie esnicht selbst, lieber Oheim," fragte sie,der mich warnte, ein junges schönes Mädchentäglich unter die Augen eines jugendlichen feurigen Gatten zu bringen."

Wohl, aber dennoch vermisse ich sie schwer. Es ist das erste Mal, seit ich Leonoreverloren, daß ein Mädchen mein ganzes Herz für sich gewann. Wahrlich, zählte ichdreißig Jahre weniger "

So würden Sie meiner Cousine Ihre Hand angeboten haben," setzte Angelika dieRede fort.Aber auch jetzt Hütte es ein Mittel gegeben, des Umgangs des jungenMädchens, das Ihnen so sehr gefällt, nicht zu entbehren."

Der Direktor horchte auf. Sein Antlitz nahm den Ausdruck der Spannung an.

Und dieses Mittel?" fragte er.

Angelika liebt meinen Rudolph, und diese Neigung ist nicht ohne Erwiederung