Ausgabe 
29 (23.5.1869) 21
 
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von seiner Seite, wenn mich nicht Alles täuscht;" erwiederte Angelika.Warum brach-ten Sie nicht Ihren Groll gegen den Varon Leopold Ihrer Zuneigung zu meinerCousine zum Opfer und bewirkten die Verbindung Rudolph'S mit Angelika, die nichtwider die Natur, wie die meine."

Der Gerichts - Direktor fuhr empor.Mädchen," rief er,wer gab Dir diesenGedanken ein? Aber nein, nein!" uullrbrach er sich,ich muß vollenden, was ichbegann und überdicß wirkte ich ja auch für Dein Glück, denn Du liebst ja Nndolph."

Angelika schwieg; sie faltete wie betend die Hände, und ihr Auge blickte sinnendzum blauen Himmel empor. Auch der Direktor saß stumm in die Ecke des Wagenszurückgelehnt, düstere Gedanken beschatteten seine Stirn, und unbemerkt entfuhren seinenLippen einzelne abgerissene Sylben.

Endlich war das Gut erreicht. Am Eingänge desselben empfing Nndolph seineBraut, die den Schleier auf's Neue über ihr Antlitz gedeckt hatte, und vom Direktorgefolgt, die Freitreppe herauf in den Empfangssaal schritt, wo der Varon Leopold dieGäste erwartete.

Die beiden alten Herren wechselten kein Wort zusammen; ein Jeder vermied denBlicken des Andern zu begegnen, und sichtlich erfreut athmeten Beide auf, als die Glockedes kleinen Thurmes der Kapelle mit feierlichem Schall verkündete, daß Alles zur Cere-monie der Trauung bereit sei.

Der Direktor erhob sich.Baron Leopold von Duroy," sagte er mit einer Stimme,der er sich bemühte, Härte zu geben.Sie kennen die Bedingungen unseres Vertrages,sobald die Trauung meiner Nichte mit Ihrem Sohne beendet, und jenes verhängnißvollcDokument aus meinem Besitze verschwunden, bin ich Herr auf diesem Gute, kraft derSchuldfordcruiig, die ich rechtlich zu beanspruchen habe. Ich habe bereits Befehl gegeben,den Plan zu einem prächtigen Mausoleum zu entwerfen, dort soll der Leichnam einerUnglücklichen ruhen, als Sühnopfer, was ein Elender an ihr verbrach. Haben Siebereits ein anderes Asyl gewählt, Herr Baron?"

Der Herr Baron wird im Hause seiner Schwiegertochter zu jeder Zeit ein will-kommener Gast sein," erwiederte Angelika, statt des Gefragten.

Das heißt, der Herr Baron wird das Gnadenbrod einer Fremden essen," siel derDirektor ein;der Herr Baron"

Halten Sie ein, mein Herr," rief Nndolph,fügen Sie Ihrer That nicht nochbitteren Hohn hinzu. Die Zukunft meines Vaters überlassen Sie meiner Fürsorge "

Baron Leopold trat dicht an seinen ehemaligen Jugendfreund heran.

Herr Direktor/' sagte er halblaut,Sie greifen in das Amt des höchstenRichters. Wahr ist's, ich habe schwer gefehlt gegen Leonorcn, ich habe Ihr eigenesLeben trübe und freudenleer gestaltet, aber glauben Sie mir, Ihre Rache würde gestilltsein, wüßten Sie, was ich seit diesen Wochen gelitten habe, wie nichts mir willkommenersein würde, als der Tod. Sie treten vor mich hin, als Vertreter der irdischen Justiz,um Ihren Privatgroll zu befriedigen; man verdammt einen Fälscher zum Zuchthause,aber nicht zu einer ewigen Folterqual des Herzens und Gewissens, der selbst ein Titanunterliegen würde. Dennoch beuge ich mich vor Ihrer Macht, um des Namens willen,den unbefleckt von Schuld vor den Augen der Menschen meinem Sohne zu überlasscumir über Alles geht. Sie treten vor mich hin als Ihr eigener Richter; sei es, Siefinden mich zu den schwersten Opfern bereit, meine Heimat in meinen letzten Tagen zuverlassen. Aber der Rächer Leonorens, das sind Sie nicht, Herr Direktor! Was meineNeue, meine Buße bis jetzt nicht sühnte, das vergibt mir ihre Liebe denn LeonorensHerz konnte nicht fluchen, es konnte nicht hassen, nur vergeben. Hüten Sie sich, daßnicht einst am Throne Gottes Leonore als zürnender Engel vor Sie Hintritt, der unbe-fugt eine Rache übernahm, die sie verabscheut; denn der Tod versöhnt und vergibtHaß und Fluch kennt nur das Leben!"