Ausgabe 
29 (23.5.1869) 21
 
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Der Baron schwieg, seine Stimme war allmählig fest und erhebend geworden, undleuchtenden AugcS blickte er auf den Direktor, der stumm und in sich versunken dasaß.

Sie machen mir Vorwürfe, weil ich gütig aus Schwäche gegen Sie war,"erwiderte er endlich leise.Wohl noch ist jener Weg in meinem Besitz, der Ihnen diePforten des Zuchthauses öffnet, noch kann ich Ihren Namen brandmarken mit demStempel des Verbrechens. Daß ich es nicht that, geschah aus Rücksicht für die Ver-bindung, die einst zwischen Uns gewaltet, aus Rücksicht für Angelika, die mich beschwor,milde gegen Sie zu verfahren."

Glauben Sie nicht," fuhr er fort,daß meine Strenge gegen Sie aus selbst-süchtigen Motiven entspringt, vielleicht nehme ich nicht die Stellung ein, die ich heutebekleide, wäre mein Leben um so viele Erfahrungen ärmer geblieben, aber zu LeonorensRächer berief mich die Stimme der Gerechtigkeit, die Stimme der Natur, und indem ichmich der Verlassenen ihrem Verführer gegenüber annahm, glaubte ich ein heiligesVermächtniß zu erfüllen."

Und doch täuschten Sie sich," rief der Baron glühend.Leonore vergab mir, undaus ihrem eigenen Munde verkündete mir ihr Geist, der mir im Traume diese Nachterschien, daß meine Schuld gegen sie ein Ende nahm an den Pforten der Ewigkeit."

Leonore erschien Ihnen?" rief der Direktor aufgeregt.Ich will es Ihnenglauben, aber dennoch kann, dennoch will ich nicht mehr zurück; auf mich alleinruht die Verantwortung hier und jenseits! Wissen Sie denn, auch zu mir trat ihr Bildin dieser Nacht, schön und rührend wie immer, aber das Auge mit finsterem Ausdruckauf mich geheftet. Ich fühlte mein Blut erstarren vor diesem geisterhaften Blick, dennochsank ich zu ihren Füßen; ich fühlte mich wieder jung und leidenschaftlich wie einst.Leonore, rief ich, bist du mit mir zufrieden? Aber sie stieß mich zurück und wies hintersich mit der Miene des Zornes. Da sah ich meine Nichte an der Hand Nudolphs, undhinter ihnen den Priester, der über sie den Segen sprach. Wehe, flüsterte der Geist, dadu die Rache einer Todten übernahmst, handeltest du wider die Natur, wider die Natur-ist das Bündniß, das du knüpftest, darum bist du gerichtet wider die Natur lebendsollst du mir folgen in's kühle Grab, und dein mich nennen tief unten, wo Keiner unsstört. Und sie trat auf mich zu, der ich zitierte, und ihr Antlitz ward zur Tvdtenlarve,ihre eisigen Finger drückten die meinen; laut schrie ich auf, ich wollte zum Altar eilen,dich hinwcgrcißen, Angelika, von den Stufen des AltarS; zu spät der Segen desPriesters hatte euch unauflöslich verbunden; da flehte ich um Gnade, denn immer engerwurden die Umarmungen des Geistes. Gnade! schallte es in mein Ohr; nur wenn derHimmel Wunder thut, bist du begnadigt. Ich warf mich nieder an den Stufen desAltares. Das Brautpaar schritt herab, aber sieh, die Todeskälte verschwand, die michbeängstigt hatte. Der Druck des Geistes ward milder; ein Lächeln des Himmels wan-delte die Tödtenmaske Leonorens in ein Engelsantlitz um, denn die Braut an der SeiteNudolphs war,nicht meine Nichte mehr, es war aber Possen," unterbrach er sichein Traum ist eine Blase, die die erhitzte Phantasie im Blute aufwirbelt. Ich willvollenden, was ich begann. Der Pfarrer besitzt das Kästchen bereits, sobald die Trauungvorüber, magst du es deinem Gatten übergeben "

Bei diesen Worten schritt er der Gesellschaft voran. Angelika ließ ihren Schleierfallen, und folgte festen Schrittes am Arm Nudolphs und des Baron Leopold.

Bald war das Gotteshaus erreicht; eine trauliche Dämmerung herrschte in demkleinen Raum. Die Strahlen der Sonne brachen sich mit magischem Lichte durch diedunkelrothcn Scheiben der hohen Bogenfenster des Altares, au dMtzjhcr alte Pfarrer imOrnat stand, des Brautpaares harrend. Auf dem Altartischch^n v^-ind sich ein kleinesKästchen, auf das die Blicke des Baron Leopold mit dem AuSNrnck des Verlangensruhten, denn er wußte, welchen für ihn unschätzbaren Inhalt dasselbe enthielt.

> Die Fassung des Brautpaares schien allmählig zu schwinden. Wie der Schritt