Ausgabe 
29 (23.5.1869) 21
 
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Angelika's allmählig unsicherer und langsam ward, so überfiel auch Rudolph ein unwjll-kührliches Zittern, als er jetzt am Altar den nächsten Augenblick über seine ganze Zukunft ?entscheiden lassen sollte. >

Wollen Sie nicht den Schleier entfernen?" fragte der Geistliche die Braut.Nichtverhüllten Antlitzes sollte man an den Tisch des Herrn treten." !

Das Auge des Ewigen liest nicht in den Mienen, sondern in den Herzen der l

Menschen," erwiederte Angelika,lassen Sie mir den Schleier, ich fühle mich so der '

Außenwelt mehr entrückt, zu den Betrachtungen vorbereitet, die diese ernste Stunde inmir erweckt."

Und noch Eines," fuhr sie fort,gönnen Sie mir noch einige Augenblicke Frist,ehe die Ceremonie beginnt; es drängt mich, allein und in der Stille mein ganzes Herzin einem brünstigen Gebete zu entlasten; in wenig Augenblicken bin ich wieder an dieserStätte."

Mit diesen Worten erhob sie sich und trat in die dicht am Altar gelegene Sakristei,deren Thür sie hinter sich verschloß.

Eine Stille entstand unter den Zurückbleibenden; Baron Rudolph fühlte sein Herz j

fast hörbar pochen, während der Direktor unruhig im Hintergründe der Kapelle auf- und ^

niederschritt. Endlich öffnete sich die Thür der Sakristei und die Braut erschien auf derSchwelle. Noch immer verhüllte der undurchdringliche Schleier ihr Antlitz. Ein Zitternbefiel sie, als Rudolph ihr seine Hand reichte, und mit fast tonloser Stimme hauchte sieihrJa" als der Priester die Frage an sie richtete: Ob sie, Angelika Fleischer, denBaron Rudolph von Durvy als Gemahl anerkenne? Bis dahin hatte der Blick desBräutigams mit dem Ausdruck der Furcht die dichten Falten des Schleiers zu durch-bohren gesucht; jetzt aber zuckte er zusammen, eine unaussprechliche Freude malte sich inseinen Blicken und mit fester Stimme sprach auch er das bindendeJa." Die Trauungwar vollendet, der Priester nahm das Kästchen vom Altartisch und überreichte es derBraut.

Nach dem Willen des anwesenden Herrn Gerichts-Direktors," sprach er,übergebeich Ihnen dieses Kästchen, um eine vor Gott gehörte heilige Verpflichtung einzulösenmöchte in seinem Inhalt der Segen des Ewigen ruhen!"

Mit bebender Hand empfing die junge Gattin das Kästchen, mit bebender Handreichte sie es Rudolph, der es nicht minder aufgeregt empfing. Hastig erbrach er esund entnahm ihm ein Papier, das er seinem Vater wies.

Erkennen Sie dieses Papier als das rechte?" fragte er Baron Leopold.

Der alte Herr nickte stumm; die tiefe Bewegung beraubte ihn der Sprache, er nahmdas Papier und riß es in unzählige Stücke, als wolle er jede Spur seines Daseinsvernichten. Dann breitete er seine Arme gegen das Ehepaar aus.

O, meine Kinder!" rief er,wie soll ich Euch danken, was Ihr an mir gethan!"

Aber ein Ausruf des Staunens entfuhr ihm ein Ausruf des Glückes seinemSohne, der Schleier war vom Antlitz der Neuvermählten entglitten, und dieses Antlitz 'war jung und blühend, wenn auch bie Bedeutung des Augenblicks es bleich gefärbt hatte dies Antlitz gehörte der jüngeren Angelika der einzigen Liebe Rudolphs.

Der Direktor hatte sich hinzugedrängt, er glaubte seinen Augen nicht zu trauen.

Leonore!" rief er,Du hast gerichtet, ein Wunder ist geschehen."

Aber sogleich ermannte er sich.Es gibt kein Wunder betrogen bin ich, schänd-lich betrogen, diese Ehe ist ungültig, denn sie ist ein Gaukelspiel vor dem Auge Gottes!" '

Ein GaukelsviZM wiederholte der Geistliche erstauntgroßer Gott, ist dieseFrau nicht AngetL^LMscher?"

Wohl ist sieMHKlika Fleischer," rief der Direktor,der Name stimmt, aber nichtdie Person. Ab?r, H Gott! man soll mich nicht ungestraft verrathen haben dieVerbindung mit meiner Nichte muß stattfinden, und sollte ich die äußerste Gewalt"