Ausgabe 
29 (30.5.1869) 22
 
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Nno. 22.

30. Mai 1869.

Augsburger

Wie oft macht nicht der Anblick von den MittelnZu bösen Thaten böse Thaten thun.

Shakespeare , König Johann IV. Sd. 2.

Aus der Jagd.

Erzählung von Hub! ch t.

Erstes Kapitel.

Der einzige Sohn.

Es war still, ganz still in der Hütte, wie draußen in der freien, schönen Gottes»natur, die ordentlich nach dem vorangegangenen heftigen Gewitter recht tief und friedlichAthem holte.

Der Mond stand am Himmel und warf sein flüssiges Silber über den nahen Wald,daß eS wie ein blitzendes Perlenmecr durch die dunklen Zweige sickerte, und der krystall-klare Himmel schmiegte sich anmuthig an die von Thauwolken umsäumte Erde. Lichtund Friede lag da draußen, Himmelslächcln in jedem Athemzug und das Herz, das indieses wunderbare Gottesschweigen hinausgetreten, wäre friedensstill geworden, wie einschluchzendes Kind, das die Mutter an ihren Busen nimmt.

Drinnen in der Hütte war es auch still, aber eine Stille, wie sie einem fürchter-lichen Unwetter drohend vorangeht, denn dort rang ein junges blühendes Leben mit demTode, und das schwache, kaum noch flackernde. Lebens-Lämpchen drohte jeden Augenblickzu verlöschen.

Es war ein langer, blasser Mensch, der dort mit dem Tode kämpfte, und ein Bilddes Jammers und tiefsten Elends lag er auf sciuem Lager von Stroh, während nebenihm eine herkulische Greisen-Gestalt kniete und schweigend Verbünde, bald am Kopfe,bald an den Füßen auflegte, und sich nichts in dem Zimmer rührte, als der Pcndelschlagder alten Schwarzwälder - Uhr, die dem dort liegenden Kranken die letzten Stunde«zuzuzählen schien.

Ach, wie das hämmert und bohrt!" jammerte der Kranke;ich halt'S nicht mehraus; schaff' mir die Uhr aus der Stube, die bringt mich sonst um."

Der alte Mann stieg auf einen Stuhl und brachte mit einem einzigen Griff dasRäderwerk zum Stehen. Es war nun ganz still in der Stube, nur im Kopfe desUnglücklichen hämmerte es noch immer fort, und nach einer Weile klagte er wieder:Ichglaubt', es wär' die Uhr, aber es hört nicht auf. Vater! es klopft gewiß Jemand anden Laden und läßt mich nicht schlafen."

Der Alte blickte mitleidig auf den Leidenden und öffnete, um ihm zu willfahren,den Laden. Das Mondlicht floß in vollen, breiten Strömen herein und gerade auf dasGesicht des Kranken, das davon noch bleicher und todtenblasser wurde, und kaum noch iuden weißen, kalten Zügen Leben verrieth. Der arme Mensch wendete die Augen nachdem plötzlich hincindringendcn Licht; er wollte den Kopf etwas erheben, um die ganzevolle Scheibe des Mondes zu erblicken, sank aber bei der leisesten Bewegung wimmerndwieder auf sein Lager zurück.

Der Alte legte jetzt einen neuen Verband um den Kopf des Kranken, der dabei vorSchmerz laut aufschrie und dann leise fortwimmcrle, und doch verrichtete der alte Mann