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"scm trauriges Gcschäfl mit einer Sorgfalt und Schonung, als ob seine groben, derbe»Hände stets nur auf den Tod Liegende gehegt und gepflegt hätten.
Ein Paar starke Schrotkörner mußten von hinten in den Kopf des jungen Menscheneingedrungen sein, denn hinter dem Ohre tröpfelte aus einigen Wunden noch immerBlut, so oft sie auch der alte Mann mit kaltem Wasser ausgewaschen hatte. Es warenWunden, die den Tod brachten, und schon umflorte sich das Auge des Leidenden, undder Tod wob seine finsteren Netze um dies arme, wunde Haupt. . . . Aber nicht nurder Kopf, auch die Füße des Unglücklichen waren jämmerlich zerschossen und dort schieneine volle Ladung sich tückisch eingewühlt und sie völlig zerschmettert zu haben, so daßsie ihn für immer zum Krüppel gemacht, wenn ihm nicht die Wunden am Kopfe bald,gar bald Erlösung versprochen hätten. Es waren keine Füße mehr, nur zerfetztes, ver-stümmeltes Menschengebein, dessen Anblick das Blut im Herzen mußte stocken machen.Abex die Hand des Alten zitterte nicht, wenn er einen neuen Verband anlegte, und diezerschossenen Füße betrachtete, in die schon der kalte Brand getreten war; nicht einmalsein Auge zuckte, als ob es in seinem Herzen dumpf und öde wäre, — und doch warrs sein Sohn, sein einziger, geliebter Sohn, der dort mit dem Tode rang und der unterso fürchterlichen Schmerzen sein armes Leben enden sollte! Und noch gestern, da warAlles anders, da hatte er noch einen Sohn und war mit ihm hinausgegangen in denWald, freilich nur heimlich-verstohlen, die Büchse im Arm, ein Wild zu erjagen, wenigahnend, daß er seinen eigenen, tödtlich verwundeten Sohn auf seinem Rücken in dieHütte tragen würde.
Jetzt schloß der Sohn auf einen Augenblick die Augen und schien zu entschlummern.Der Alte setzte sich erschöpft auf den am Lager stehenden Stuhl und ließ die düsterenBilder der vergangenen Nacht an seinem Auge vorübergehen. Oft fuhr der alte Mannmit der Hand über die Augen, — als könne er damit das Vergangene in Etwas weg-wischen, dann blickte er wieder auf das Jammerbild seines Sohnes und in seinem harten,wettcrgcbräunten Gesicht malte sich ein wilder, verzweifelter Schmerz. Er drückte seinederben Fäuste in die brennenden, trockenen Augen, und sah sich wieder im Walde, mitdem Ausweiden eines Rehes beschäftigt. Es ist ein fürchterliches Wetter, der Sturmrüttelt an den hohen alten Bäumen, daß sie wie leichte Gerten sich hin und her bewegen -einzelne schwere Regentropfen beginnen bereits zu fallen, und ein starkes Gewitter rolltmit seinem Donner in gewaltigen, fürchterlichen Schlägen über die Wipfel der Bäume,und nur von Zeit zu Zeit reißt ein Blitzstrahl in die düstere Nacht eine Lücke und er-leuchtet auf Momente das düstere Waldcsschwcigeu. Ein solcher Blitzstrahl zeigt demalten Wilddieb dunkle, näher rückende Gestalten, er flüstert seinem Sohne zu: „Wirmüssen fort!* — Zu spät! Derselbe Blitz hat auch schon die Gruppe mit dem Rehbeleuchtet; es füllt ein Schuß und der Sohn bricht in die Knie; noch ein tückischer Blitzzuckte hernieder, um den Männern dahinten den Kopf deS Sohnes zu zeigen, und mitdem Rollen des Donners vermischt sich noch einmal der Knall einer Büchse und derSohn bricht jammernd vollends zusammen. In wilder, besinnungsloser Wuth ergreiftder alte Wilddieb das Gewehr und feuert in die Nacht hinaus, dann steht er düster,hochaufgerichtct, dort auf seine eigene Doppelflinte gestützt, um sich und den Leichnamseines Sohnes zu vertheidigen, den er für todt hält. „O, wären sie nur gekommen!"murmelt der alte Wilddieb, und ballt die Fäuste. Sein Gesicht verzerrt sich von wilderWuth; die Vorgänge der letzten Nacht stehen so lebhaft vor seiner Seele, daß ihm dasHerz still zu stehen droht. — Aber die Jäger glaubten genug gethan zu haben, undder Alte sieht bei einem Aufleuchten des Blitzes ihre rückgängige Bewegung, hörte nochein heiseres, höhnisches Lachen und dann sind sie verschwunden. O, der finstere Wild-schütz kennt dieses Lachen und wie Wetterleuchten fliegt es jetzt bei dessen Erinnerung übersein Gesicht; er mußte aufstehen, denn seine Brust droht zu zerspringen, er hört wiederdas heisere Lachen, seine Faust ballt sich, die bleicher gewordenen Lippen murmeln eine