Ausgabe 
29 (30.5.1869) 22
 
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finstere Verwünschung, in seinem Herzen loht die Brandfackel der Rache und der finstereGedanke auf, mit Blut zurückzuzahlen dies heimtückische, heisere Lachen. Aber derVerwundete jammerte und stöhnte wieder, und dieß reißt den Alten aus seinen finstere»Gedanken auf einen Moment heraus. Das Schmerzgestöhn des Unglücklichen ging schonin Phantasien über, die vielleicht das Mondlicht beförderte, das auf dem bleichen Gesichtauf und nieder zitterte, und gewissermaßen mit Behagen über diese mit dem Toderingenden Züge glitt.

Mein Kopf, mein Kopf! Ach, Herr Doktor, hier!" phantasirtc der Sterbende-mein Vater wollt's nicht, aber es that ja zu weh!" Und wieder wimmerte derArme vor sich hin, daß sich der alte Mann ängstlich über ihn hinweg bog und dannihn wie ein Kind in seine starken Arme nahm, als ob er ihn dadurch beschwichtigen undruhiger machen könne. Wohl hatte der Sohn den Doktor haben wollen, von Anfang an,

aber der alte Wildschütz hatte verneinend das Haupt geschüttelt; um keinen Preis, so

lieb er seinen Sohn hatte, so gern er sein Herzblut für ihn gegeben, hätte er den Doktorin's Haus nehmen mögen. Alles wäre ja dann ruchbar geworden, und sie hätten denarmen Jungen, statt in die Hütte, noch in's Gefängniß schleppen können. Nein, nimmer-mehr! Er hatte den Jammernden aufgeladen auf seine breiten Schultern und heim-getragen in die Hütte. Es war ein schwerer, saurer Gang gewesen, und so vorsichtigder Alte auch zu Werke ging, der Sohn hatte doch bei jedem Schritte gejammert und

gestöhnt, daß es dem Vater das Herz zerschnitt und sich seine Gedanken zusammenballten

wie Gewitterwolken, und er sich schwur, Vergeltung zu üben an denen, die ihm den Sohnerschossen erst in die Beine und dann in den Kopf und dann noch das heisere,tückische Lachen! ... O, der Wald hatte kein Ende nehmen wollen; und wenn nichtdie Muskeln des Alten von Stahl und sein Herz fest und unbeugsam wie ein Eichstammgewesen, er wäre zusammengebrochen, nicht von der Last seines Sohnes, wohl aber volldem Schmerz und der dumpfen Wuth, die jeden anderen Gedanken, als den der Rache,in ihm zu Asche brannte.

Der Pulsschlag des Verwundeten ging immer leiser, kaum hörbar, und das OhrdeS Vaters horchte ängstlich auf dicS geräuschlose Klopfen des Herzens. Der Schmerzhatte wie ein wilder Bergsee ausgelös t und warf nur noch einzelne leichte Wellen mur-melnd an das dunkle Ufer, und dann zuckte es in dem Kranken wieder auf, und einleiser Seufzer entwand sich seiner Brust.

Komm, komm, hilf mir!" flüsterte er wieder,sie wollen schießen, ich kann nichtfort, o Barmherzigkeit, ich bin ja noch so jung!" Und dann tasteten seine Hände ander Decke herum, als suchten sie sich bittend in einander zu schlingen, und doch warensie zu schwach. Der Alte bemerkte es und faltete die Hände zusammen, während derSohn in seinen Todes-Phantasicn fortfuhr:Schnell, schnell! dort, dort! sie schießendoch, Jesus, Maria!" hauchten seine bleichen Lippen, und der Mond und der alte düstreMann blickten Beide auf das Antlitz eines Todten. - Der Mond warf nur noch einenfreundlichen Strahl auf das bleiche, kalte Haupt und dann wandte er sein mildes. Her-

monien suchendes Auge von dieser finsteren, trüben Scene; aber die Augen des allen

Mannes ruhten noch lange auf dem Antlitz seines todten Sohnes, und ein Paar Thränenpreßten sich gewaltsam aus seinem harten, sonst so trockenen Auge. Er umhüllte die

verstümmelten Füße deS Todten noch einmal mit einem Tuche, als wolle er auch den

Todten vor jeder rauhen Berührung schützen und dann schritt er hinaus, seine Doppel-Flinte zu suchen, die er diesmal im Walde hatte zurücklassen müssen.

Er mußte sie finden, sie war ja an dem alten, heimlichen Ort versteckt, nnd ermußte bei dem Gedanken an seine Flinte hell auflachen, und sah sich dann erschrockenum; war es doch fast dasselbe Lachen, das dort in jener fürchterlichen Nacht aus dasErschießen seines unglücklichen Sohnes gefolgt war.