Ausgabe 
29 (30.5.1869) 22
 
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Zweites Kapitel.

Die einzige Tochter.

Während dort in der Hütte ein armes Menschenleben verzückte, war unweit davon,in dem Hause des 'Oberförsters, eitel Licht und Sonnenschein.

Morgen gab es ja eine Hochzeit, und eine recht glückliche, denn cS war gar einschmuckes Paar, daS morgen an den Altar treten sollte: die Tochter des Oberförsters,ein wunderschönes, frisches Kind, und der junge Hugo Fischer, der Prächtigste Försterweit und breit. Heut war Poltcr-Abend und eine Menge Iugcndgcspiclen umringten,unter allerhand Verkleidungen, das glückliche Paar. Der Freund hes Bräutigams, derblutjunge Förster Kuntz, kam, in Anspielung auf den Namen des Bräutigams, als Fischermit cineui Netz von Perlen, und, beneidete in einem scherzhaften Gedicht seinen Kameraden,der ihm die schönste Perle weggefischt habe, und deßhalb bringe er ihm in Anmuth nunauch seinen Fang. Und man bewunderte den kecken Burschen, der jetzt mit seinem Schmerzespielen konnte; denn Alle wußten, daß Kuntz um die Oberförsters-Tochter ebenfalls garheiß geworben, jedoch sie nicht erhalten habe, weil er erstens noch,sehr jung, und durch-aus nicht so schön und schlank wie der jetzige Bräutigam wär, zweitens aber mit seinemzu freien, geraden Wesen nie der Günstling des Oberförsters hatte werden können, dervon seinen Leuten einen unbedingten, fast an Unterwürfigkeit grenzenden Gehorsam for-derte. Das hätte Fischer weit bester verstanden, sich mit aalglatter Gewandtheit in dieGunst des Vaters einzuschlcichen und eben so.,rasch das Herz der Tochter zu erobern.

Es wär ein Aufjubeln in der ganzen Gesellschaft, eine Lust und Fröhlichkeit, wiesie an einem Polterabend, und noch dazu in einem lustigen. Försterhause, ganz in derOrdnung ist; denn es gab keinen lustigern Patron in der Runde, als den alten Ober-förster,. wenn er bei guter Laune war, und wer schon sein Helles, lustiges Lachen ,hörte,der mußte unwillkührlich mit einstimmen. Sein Lachen war seine Sprache, damit machteer Alles ab; seine Umgebung verstand ihn gar wohl: sie kannte sein zufriedenes HellesLachen und dann war Alles glücklich, sein kurzes, höhnisch-zorniges Lachenund. dann ging ihm Jeder schnell aus dem Wege. Gewiß, es lag eine ganze Sprachein seinem Lachen, ja wer sie nur verstand! Manchen mochte es irre führen -nid sichermachen, wenn er statt eines gesürchtetcn Donnerwetters ein kurzes, hastiges Lachen ver-nahm, er wollte wohl am Ende schon zum Mitlachen die Muskeln verziehen, und lachtedann Loch nicht, wenn er sich den Mann noch einmal betrachtete, und lachte wohl niemehr, wenn der Oberförster dann, wie ein finsterer, unerbittlicher Gott, seine schwereStrafe verhängte.

Heut wollte das glückliche Lachen des Oberförsters kein Ende nehmen, gird djxganzc^ Gesellschaft wurde von der unverwüstlichen Heiterkeit, vielleicht auch von demreichlich genossenen Rheinwein, roscnroth ««geglüht. Nur die Braut, das frische, rosigeWaldkind, neigte etwas das Köpfchen und fühlte sich, ganz gegen ihre Art, fremd in demlustigen Element der allgemeinen "Freude. Der Bräutigam blickte ihr besorgt in dasschöne, getrübte Auge und fragte leise, was sie heut so traurig stimmen könne? Annaerröthete und zögerte mit einer Antwort. Man begann sie zu necken, daß sie wohl derVerlust der goldenen Freiheit schwcrmüthig mache, und so mußte sie schon mit derSpräche heraus.

Mir kommt die heute früh erzählte Geschichte nicht aus dem Kopfe, der armeMensch!" seufzte sie mit schwerem Herzen.

Es ging nicht anders, Anna! Wir mußten ein Exempel statuiren l" entgcgneteachselzückend ihr Bräutigam.

DummeS Zeug!" sagte der alte Oberförster, der die Aeußerung seiner Tochter imVorbeigehen gehört hatte,das Gesudel hat unS schon schrecklichen Schaden gemacht undnächstens ueh'm ich den Alten aus's Koru."