Ausgabe 
29 (30.5.1869) 22
 
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O, dcr arme Mann ist gestraft genug," entgegnete das junge Mädchen, und fragtedann besorgt:Sein Sohn ist doch nicht todt?"

Kümmert mich nicht! Das Gethicr hat zähcS Leben!" bemerkte trocken ihr Vater.

Ich kann mir nicht helfen," begann Anna von Neuem,aber es thut mir rechtweh! Der Alte wird außer sich sein vor Schmerz und Wuth."

Ich hab' ihn ja geschont, Du weißt warum!" versetzte dcr Oberförster.

Warum?" fragte man gespannt.

Ach, laßt's Euch von Anna erzählen!" entgegnete der Oberförster verdrießlich;ich hab's ihm immer gesagt, aber der verwünschte Kerl konnte das Wilddieben nichtlasten. "

Anna berichtete auf das Drängen dcr Freundinnen, daß dcr alte Wildschütz, aufbesten Sohn vergangene Nacht geschossen worden, ihr einst das Leben gerettet, als sie sihpals Kind im Walde herumgetrieben habe und von einem Hirsch beinahe aufgespießt wor-den sei.Seitdem," fuhr sie erzählend fort,sind wir gute Freunde geworden, und sofinster und unheimlich der Mann auch aussieht, gegen mich ist er freundlich und gut;wenn er mich trifft und ich ihm die Hand schüttle, dann lächelt er stets. Er hat mir,wie gesagt, das Leben gerettet; doch wenn uns Jemand so zusammen sieht, dcr müßtedenken, daß es umgekehrt dcr Fall sei, so lieb und freundlich ist dcr Alte. Nun thutes mir doch recht weh, daß ihm sein Sohn so jämmerlich zerschossen worden!" Zudem schönen Auge glänzte eine Thräne.

Der Bräutigam küßte sie ihr hinweg und flüsterte:Du edles, warmes Herz;aber sei nur ruhig, vielleicht ist der Bursche noch zu retten."

Nein!" entgegnete das Mädchen bestimmt;mir ahnt nichts Gutes. Versprichmir, Hugo, und auch der Vater muß es mir versprechen, jetzt nicht das Revier zubetreten."

Sorge nicht, Änlichen!" lächelte der Förster,Du bist ja ein Jägerkind, wiekannst Du Furcht haben?"

Anna mußte sich beruhigen und wurde in die allgemeine Lust mit hineingezogen,daß sie darüber den drohenden Alten vergaß und endlich ganz ihrer heitern, von demVater geerbten Natur den Zügel schießen ließ.

(Fortsetzung folgt.)

Ueber die Eröffnung der Pacific-Eisenbah»

wird aus Sän Francisco vom 8. Mai geschrieben: Die Feierlichkeit wegen dcr Vollendungder Pacific-Eisenbahn war derart, daß man sich ihrer für alle Zeiten in Sau Franciscoerinnern wird. Bei Tagesanbruch verkündeten 100 Kanonenschüsse daS Fest. Alle för-deralcn ForlS im Hafen feuerten ihre Kanoncusalvcn, die Glocken in dcr Stadt wurdengeläutet, die Pfeifen aller Dampfer ließen ihr schrilles Geschrei ertönen. Bei Anbrnchdcr Nacht wurde die ganze Stadt illuminirt. Die Proccssion war die größte, die manjemals in Sän FraciSco sah. Die Bevölkerung war massenhaft auf den Straßen erschienenund legte ihren Eifer an den Tag, ein für die Pacificstaaten so wichtiges Ercigniß ge-hörig zu cclcbrircn. Die Geschäfte waren allgemein suspcndirt. Die militärische Paradeund die Civilprozcssion waren großartig. Nicht nur die StaatSmilizcn, sondern auchalle disponiblen, regulären Truppen in den verschiedenen Forts rückten aus. Stadt undHafen boten einen überaus prächtigen Anblick dar. Während deö Tages waren dieHauptgebäude mit den Fahnen fast aller Nationen geschmückt und auf den Straßen drängtesich eine auf- und abwägende Menschenmenge. Um 1 Uhr Nachmittags verkündigte eineDepesche, die vom BcrcinigungSpunkle der Bahn kam, daß dcr letzte Spikcr der Eentral-Pacific-Eisciibahn soeben eingehämmert werde. Diese Kunde rann wie ein Lauffeuer durch