Ausgabe 
29 (13.6.1869) 24
 
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Aufenthalt für sie erachtete. Die Galanterie des Gerichtshofes ging so weit, die Ange-klagte von einem elegant gekleideten Sheriff aus dem Hotel, wo sie wohnte, abholen undzurückführen zu lassen. Im Gerichtssaale erschien sie gewöhnlich in reicher Toilette amArme des galanten Beamten, der sie mit dem verbindlichsten Lächeln zur Anklagebankgeleitete und stets mit einer Verbeugung von ihr Abschied nahm. Auf der Promenade,im Hotel, und überall wo sie sich blicken ließ, bildete die junge Dame den Gegenstandder größten Aufmerksamkeit und Sympathie. Nach ihrer Freisprechung hielt sie in ihremHotel ein wahres Lever ab. Die Honoratioren der Stadt kamen, sie zu beglückwünschen,und am Abend wurde sowohl ihr, als der Jury, welche das freisprechende Verdikt abge-geben, eine Serenade gebracht.

Ein französischer Poet, der in Deutschland sich aufhielt, um die Sprache undLiteratur kennen zu lernen, wurde von einem vornehmen Herrn zu einem Diner einge-laden. Die Reichhaltigkeit der aufgetragenen Speisen, sowie die vorzügliche Zubereitungderselben begeisterten den Dichter so sehr, daß er die Erinnerung an die gehabten Genüssein seinem Notizbuch zu Papier brachte und zwar folgendermaßen:

O schöner Tag, als auf dem TischDie Lachsforelle lastete.

Und später dann gewürzig frischDie Günseleber-Pastete.

Ein saft'ger Kalbskopf senkte stillDie zartgebräuntcn Wimpern,

Für den, der etwas Süßes will,Gab's Reisauflauf mit Himbeer'n.Ein italienisches Salät-chen angemacht mir Häring

Auch dieses hab' ich nicht verschmäht.Denn mir ist nichts zu gering.

Ich von Allem dem genug,

And mehr das hieße freveln;

Doch war ich froh, als man mich frug:Thun Sie jetzt nichts mehr befehl'n?"O bitte, sprach ich, thun Sie bloßDen Hecht mir dort, den glänzenden,Gefälligst mit der gelben SauceEin wenig hieher entsenden!""

Und bei dem Kaffee that ich dannNoch zwei Havanna rauchen;

Der Wirth ist gar ein feiner Mann,Und lieb ist auch sein Frauchen.

Ich Glücklichster -der Sterblichen,

Wenn so viel Tage wären!

Nun ist die Freude verblichen.

Wann wird sie wieder kehren?

* (Eine seltene Uhr.) Wenn dem guten König Alfred, dem die Erfindungzugeschrieben wird, nach brennenden Lichtern von verschiedener Länge die Zeit zu niesten,gestattet wäre, die Wunder der modernen Civilisation anzuschauen, so zweifeln wir, obirgend etwas den geistvollen Monarchen mehr interessiren würde, als eine für die Cathe-drale zu Beauvais unlängst vollendete Uhr, welche alle bisherigen Leistungen derUhrmachcrkunst weit übertrifft. Die Uhr enthält nicht weniger als 90,000 Rüder, undzeigt neben vielen andern Dingen die Tage der Woche, den Monat, das Jahr, dieHimmclszcichen, die Gleichung der Zeit, den Lauf der Planeten, die Phasen des Mondes,die Zeit in allen Hauptstädten der Welt, die veränderlichen Feste für 100 Jahre, dieHeiligen-Tage rc. Vielleicht der merkwürdigste Theil des Mechanismus besteht darin,daß vermittelst einer nur alle drei Jahre einmal in Wirkung tretenden Kraft auch dereine Tag des Schaltjahres angegeben wird. Die Uhr wird alle acht Tage aufgezogen,hat ein Zifferblatt von 12 Fuß Durchmesser und kostet 8000 Lstrl. (circa 96,000 sl.)

Charade.

(Zweisilbig.)

Drohet dem Ersten Gefahr, so versammelt sich schnelle das Ganze,

Ist es einig und stark, dient es dem Ersten zum Zweiten.

Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von llr. M. Huttler.