Ausgabe 
29 (8.8.1869) 32
 
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Das Straßbnrger Münster .

Nichts ist so schwer, als einen gothischen Dom im Einzelnen, in der wunderbare»Fülle der Gebilde, die wie tausend Steinblumen aus ihm hervorschießen, i» der unzäh-ligen Menge herrlicher Einzelheiten zu fasten. Es ist, wenn man auch Stunden langgesucht hat, Herr des Einzelnen zu werden, doch immer wieder der Totaleindruck, dersich geltend macht, und endlich doch als Erwerb des Besuches mit fortgetragen wird.-Am Straßburger Münster zumal würde man Tage zubringen müssen, um die reiche,schöne, sinnige Bildcrwelt nur, die jedes der drei großen Portale schmückt, bloß in ihremZusammenhange, geschweige denn im Einzelnen zu verstehen. An diesem Wunderbau istnichts Gewöhnliches, Unbedeutendes, Geringfügiges. In plastischer, vollendeter Schönheittritt uns jeder Gedanke, jede Ausführung entgegen. Bleiben wir um nur Eines imBesondern zu erwähnen, vor den Meistergcbilden des südlichen Portals stehen. Sie sindvon Sabina's, Meister Erwin's genialer Tochter, kunstgeweihter Hand. Welche tiefeSymbolik liegt in den beiden allegorischen Figuren des Juden- und Christenthums, indem zerbrochenen Blitz des Gesetzes, im Kreuz des Evangeliums! Welche Lebensfülle,welche Kraft der Gestaltung in den Jünger-Gruppen, welche das Sterbelager der heiligenJungfrau umstehen, welcher FriedenS-Ausdruck in den Zügen der Sterbenden hier, welcheSiegcserklärung in der Auferstehenden dort! Es muß ein wunderbares, begabtes Wesengewesen sein, diese Sabina Erwin, würdig, fortzuführen, was der Vater großartig ange-legt hatte und unvollendet zurücklassen mußte. Ihr Bild, das spätere Kunst in dieNähe ihrer Meisterwerke gestellt, hat, glaube ich, richtig ihr Wesen wiedergegeben: eineedle, ernste Gestalt, der Hauch des Genius, der auch das Widerstrebende sich untcrzwingt,auf der hohen Stirn. Die Münsterkirche, so großartig und erhaben sie auch ist, soschlank und stark auch die Säulen emporstreben, so reiches Bildwerk auch diese umkleidet,so mächtig es uns auch in diesen weiten, hohen, mit dem träumerischen Dämmerlicht derGlasmalereien durchglühten Hallen an's Herz greift, ist nicht unvergleichlich. Es gibtandere, die mit ihr den Mitstreit aushalten, sogar über ihr stehen. Aber an den, derauf ihr emporstrebt, neben dessen Höhe selbst dieser kolossale Unterbau fast verschwindet,an den Thurm, darf nichts hinan. Der gothischen Domthürme sind wenige, die vollen-det sind, und wenn sie es alle wären, Erwin's Thurm würde alle verdunkeln. Ein

solches Werk der größten Einfalt und doch der reichsten Fülle, ein Werk, das so die Idee,

die allen gothischen Stil bildet, das himmelan Strebende, nach oben Gipfelnde, zum

Ausdruck bringt, konnte nur einmal geschaffen werden. Man braucht nicht erst oben zu

stehen, wo in den wie an den Hauptstamm des Thurms angeflogenen Thürmchen dieluftigen Wendeltreppen zu der ganz durchsichtigen Laterne hinaufführen, um Schwindelzu fühlen. Der kann Einen schon befallen, wenn man von unten hinaufschaut, und dasAuge die wie im blauen Acther sich verlierende Spitze fast nicht zu erreichen vermag.Man muß auf der Brüstung des Thurms der Thomas-Kirche stehen, um den vollenEindruck der Majestät des Münsterthums zu erhalten. Bon keinem andern Ort inStraßburg kann er Einem besser, gewaltiger werden. Man sieht dort nächst demMünster am Höchsten in der Stadt, Alles liegt unten, und nun erhebt sich uns gegen-über noch eine schlanke, hohe Pyramide, die ihren Fuß da ansetzt, wo unser Standpunktaufhört, und ragt hinein in den Himmel, allein, nichts neben sich duldend, uns selbstmit unwiderstehlicher Gewalt mit sich hinaufziehend. Man muß es sich sagen, so etwasnoch nie geschaut zu haben, und auch wohl nie mehr schauen zu können. Daß die Aus-sicht v»n dieser Höhe eine reiche ist, läßt sich denken; über die in großem Kreise unternns ausgebreitete Stadt mit ihren alterthümlichen Plätzen und Häusern, und baum-Lepflanzten Wällen hinaus und weit hinein iu's deutsche und fränkische Land, bis zu denBerggrcnzen, die dort der Schwarzwald , hier die Vogcsen bilden. Treten wir noch ein-mal iu's Innere des Münsters ein, um der berühmten Uhr willen. Eine Menge Volkssieht immer, sonderlich Mittags, vor ihr. Denn da bewegen sich, wenn der Tod die