Ausgabe 
29 (15.8.1869) 33
 
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Ich zweifle nicht," sprach dieser,daß es dieselbe ist, welche auch mich bewog.Dich schon heute Morgens aufzusuchen."

Wildhauer drückte Drcißlcr die Hand.Wir verstehen unS. Wir waren bis jetztNebenbuhler und werden es bleiben, bis das Schicksal entschieden, welcher von unsBeiden die schmucke Lcni deS alten Silbcrinüllers sammt der hübschen Aussteuer erhaltenwird. Jetzt aber, da dieser Gelbschnabel aus Kleinbodcn, der gleichsam wie ein aus demHimmel Herabgefallener Bräutigam erscheint, uns einen Strich durch unsere Rechnungzn machen droht, müssen wir unsere vereinten Kräfte aufbieten, seine Absichten zu nichtezu machen."

Wie aber wollen wir dieses anfangen?" versetzte der Andere.Der Alte unddie Dirne scheinen dem Buben gewogen und"

Wenn auch Du kennst den alten Silbermüllcr und seine Heftigkeit. Wenn es»«r dem Buben gelingt, besser zu schießen als der Alte, so haben wir gewonnen Spiel."

Der Alte ist ein guter Scheibenschütze"

Er war es einst, willst Du sagen, aber seine Sehkraft hat abgenommen und seineHand beginnt zu zittern. Auf jeden Fall müssen wir sie gegen einander hetzen. Duweißt, wenn ein Schütze einmal in's Schießen kommt, so vergißt er Alles um sichherum, und denkt nur an das Ziel. Jetzt komm', wir wollen zur Gesellschaft zurück,und den Beiden so viel als möglich zutrinken, um sie zu unsern Absichten zu stimmen."

Nach diesem kurzen, aber honetten Zwiegespräche, begaben sich die beiden Ehren-männer wieder in das Haus des Richters, und mischten sich unter die übrigen Gäste.

Lustig krcis'te indessen hier der Weinkrug von einer Hand zur andern, und Silber-müller und Frauzl hatten schon in bester Freundschaft einige Male mit einander ange-klungen, und auch das Zubringen der klebrigen erwiedert, als Wildhaucr und Drcißlcrihnen aus's Neue ihre Krüge zum Anstoßen darboten, welches sie auch, nach Schützen-weise, nicht ausschlagcu durften und mochten, und das diese in erheuchelter Freundlichkeiteinige Male wiederholten.

Endlich wurde das Zeichen zum Aufbruche geg-ben. Ein Schütze mit einer hohenFahne, von welcher weiße und grüne Bänder heruntcrflattcrtcn, an denen sich die Preise,«us Gold- und Silbcistückcn bestehend, befanden, machte den Anfang des ZugeS. Diesemfolgten zwei kleine, hanswurstartig gekleidete Jungen, welche bei dem Schießen die Zieler-dicnstc versahen, von denen jeder ein Fähnlein mit einem kurzen Stiele trug, vonwelchen das eine von weiß und grüner, das andere von rother Farbe war.

Ihnen folgten mehrere Spielleute, dann der Richter von Zcll, als Schützcnmcifler»nd Preisrichter mit den Aeltcsteu des Ortes, und nach diesen sämmtliche Schützen,jeder den Hut mit Huifedcrn und Gemsbart geschmückt, und die Armbrust über derAchsel. Den Schützen schlössen sich sämmtliche Weiber, Mädchen und Kinder des Dorfesund der Umgegend an, unter welchen sich auch Leni mit einer Freundin, die sie zufälligi» Zcll getroffen hatte, befand.

Der Zug ging unter lautem Gejauchzt, Gelärm und Musik auf mehreren Umwegendurch das Dorf, an der Kirche vorüber, und sodann zu der Schießstültc.

Diese war eine schöne, große Waldwiesc, ungefähr eine Viertelstunde außer Zell,rings von grünen, waldbcwachsencn Bergen umschlossen, hinter welchen die mit ewigem Schnee und Eis bedeckten Höhen der hohen Mauxr und deS Löffels hervorblickten. Andem obern Raine der Wiese war ein Zelt von rother und weißer Leinwand aufgeschlagen,welchem gegenüber an dem entgegengesetzten Ende die Scheibe aufgepflanzt war. Nebendem Zelte flatterte eine hohe Fahne von grün und weißer Farbe lustig in der Luft.

Der Richter und die Aeltcsteu nahmen in dem Zelte Platz, von welchem sie denganzen Schicßplan übersehen konnten. Neben diesen platzirtcn sich die Spicllcutc, anwelche sich die Zusehcr in buntem Gemenge reihten.

Als die Versammlung etwas ruhiger geworden, erhob sich der Richter, nahm seinen