Nro. 38.
19. Sept. 1869.
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werdenkönnen. Sogar die ersten Eltern waren nicht daraus zu bringen.
Die Hand
Historische Novelle von Ludwig Habicht .
(Fortsetzung.)
II.
Holla, Junger, gehe und frage,
Wo der beste Trunk mag sein,
Nimm den Krug und fülle Wein.
Opitz.
Drei ehrsame Bürger Sprottau's hatten im städtischen Forst Hol; gekauft — undkehrten vom entfernten Holzschlage zu ihrem Wagen zurück, den sie auf einem freienPlatz des Waldes stehen gelassen. Sie gedachten jetzt heimzukehren, und waren in derbesten, scelenvergnügtcsten Stimmung, denn sie hatten nach vielem Hin- und Herhandelndoch gute Geschäfte gemacht.
Es war ein schwüler, sonnendrückender Tag, kein Lüftchen rührte sich in den Blätternder gewaltigen Eichen, die wie hehre Könige ihre Scepter in die Wolken streckten, dennzu jener Zeit lag das geheimnißvolle Siegel noch unerbrochen über den Wäldern.
Auch unseren ehrenwcrthen Bürgern war warm geworden, und besonders rann demEinen der Schweiß in dicken Tropfen über die breite Stirn. Es war der Gerber Aussig ,dem die Sonnenhitze, seines fetten schwammigen Körpers wegen, am meisten zusetzte, undder daher auch vor der Abreise noch einmal nach dem mitgenommenen großen Frühstücks-korbc langen mußte, um die tröstende, „schwcißtilgende" Flasche herauszunehmen.
Mit Behagen im Vorgefühl des seiner wartenden Genusses griff er langsam hinein,zog aber weit rascher, als habe er sich verbrannt, die Hand zurück.
„Alle Welt, so wahr ich lebe, hier liegt was ganz Besonderes darin, — aber dieFlasche ist fort," rief er erschrocken aus.
Die beiden Andern blickten sogleich neugierig über den Wagen und in den Korb,zogen die schon halb verschobene Decke vollends hinweg und riefen wi- aus einem Munde:„Ah, ein Kind!"
Der dicke Gerber trat nun auch wieder hinzu, und alle Drei staunten den sonder-baren Fund an, der ihnen für ihr gutes Frühstück in nichtsnutziger Neckerei unterge-schoben worden war.
Die beiden Ersten erschöpften sich in Muthmaßungen über den Urheber dieses Streiches,und welch' sonderbare Umstände obgewaltet, den armen Wurm so schonungslos in dieWelt zu schleudern, man suchte weiter im Korbe nach, um irgend ein Merkzeichen zuentdecken, das über dies Räthsel Aufschluß geben könnte, aber der Kleine war nur miteinem Hemdchen bekleidet, in dem der Name „Ludwig" eingestickt.
Der Eine, ein zwar ziemlich alter, aber dennoch rüstiger, kräftiger Mann, — derwohlangcsehene Huf- und Waffenschmied Hermann Baltzer, war am meisten davon ange-regt und schlug lebhaft vor, da das Kind ganz jüngst hingelegt worden sein müsse, denWald sofort in allen Richtungen zu durchschweifen, um den Spender dieser Gabe zu