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entdecken. Diesem beschwerlichen Ansinnen widersetzte sich der träge Gerber entschieden, unddie Furcht vor neuen Strapazen ließ diesmal seinen dicken Schädel das Rechte treffen,indem er grollend sagte: „Glaubst du, der uns Das gebracht, wird auf uns warten?Der hat sich längst aus dem Staube gemacht, schade nur um den guten Trunk, den unsder Kerl mitleidslos gestohlen!"
„Das wär' wohl der wenigste Kummer, aber was sollen wir mit dem Findlingbeginnen?" frug der dritte Bürger, ein alter Bäckermeister.
„Was anders? Den muß der Dicke behalten," erwiderte der Schmied ganz ernst-haft, „denn er hat zuerst in den Korb gegriffen.
„Ja wohl, das ist nicht mehr als billig," — stimmte der Andere trocken bei, „derGerber erhält den hübschen Fund."
„Ah, Puh!" stieß dieser abwehrend aus: „Ich hab' gleich Unrath gewittert unddie Hand zurückgezogen; Euch aber gehört von Rechtswegen der Schatz, denn Ihr habtzuerst das Tuch weggenommen." --
Man stritt sich neckend noch eine Zeit herum, wer das Kind behalten solle. DerGerber verstand in dem Falle keinen Spaß, ihm dünkte es bitterer Ernst, und je mehrseine Freunde ihn drängten, je feierlicher protcstirtc er gegen ihr ungerechtes Ansinnen,daß diese, den Schelm im Nacken, kaum noch ihre ernste Miene bewahren konnten. —Aber der gute Mann wußte wohl warum, und das wußten die Anderen auch; welchesUnwetter wäre über ihn hereingebrochen, wenn er seiner bissigen, selbst schon mit sechsKindern gesegneten Ehehälfte, noch das siebente so unverantwortlich leichtsinnig in dasHaus geschmuggelt hätte!
Der Schmied brach endlich den belustigenden Streit mit den Worten ab: „DasKind werd' ich behalten. Ich will meinen, als hab' es mir der Himmel für meinenverlorenen Otto geschenkt."
„Das ist schön von dir, dich des armen Wurmes anzunehmen, Bruder," erwiderteder Bäcker, nur der Gerber schüttelte bedenklich das Haupt, schwieg aber noch.
Man fuhr ab, und fand unterwegs im Hintergründe des Wagens das aus demKorbe herausgenommene Frühstück. Darob war nun unser Gerber wunderbar getröstetund erheitert, er setzte gleich die Flasche an den Mund, that einen kräftigen Zug, undfrug dann in übermüthiger Laune: „Aber, Bruder, wie wirst du denn mit dem wun-derlichen Frühstück ankommen? Die Weiber haben alle den Teufel, und auch die deinewird dir wegen des Bengcls Späne machen. "
„Wie so?" — frug der Schmied verwundert zurück.
„Weil sie ihn für deinen eigenen wilden Sprößling halten wird!" war die Antwort.
„Ah, du glaubst, sie sind Alle so, wie dein altes Zankcisen. O nein — meinWeibchen ist solch' argex Gedanken nicht fähig."
„Na — kräh' nicht zu früh, du glaubst gar nicht, waS für verdrehtes Zeug ineinem Frauenzimmcrkopfe nistet," und er seufzte, in Erinnerung seiner Ehcleidcn so tiefund schwer, daß der Wagcusitz davon wackelte.
Man lachte über den geplagten Kauz so laut und herzlich, daß der Kleine, von demGeräusch aufgeweckt, zu schreien begann. Jetzt war der Gerber an seinem Platze. Erwußte mit der Beruhigung des Wciners so viel Bescheid, that so mütterlich sorgsam,daß die beiden Andern wohl merkten, er müsse im Geschäft des Kindcrwartcns von seinerwerthen Ehehälfte gut abgerichtet worden sein. Dabei nahm sich natürlich der dicke Kerlso bärenhaft - possirlich aus, daß es die Mitreisenden höchlich ergötzen mußte, und unter-lustigem Gespräch über das Glück der Ehe langte man im Städtchen an.
Des Schmiedes Haus lag gleich vorn am Thore. Er stieg deßhalb mit dem Find-ling zuerst aus, während die beiden Andern weiter fuhren.
Es war ein stattliches Gebäude, wenn auch, wie alle übrigen, einstöckig und zwarmit Fachwerk aufgeführt, aber dennoch weit größer und geräumiger, als die Nachbarhäuser^