Ausgabe 
29 (19.9.1869) 38
 
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Der Schmied mußte sehr wohlhabend sein, denn nicht nur besaß er dieß HauS miteinem daranstoßenden Garten, sondern noch andere Ländereien vor der Stadt, und daswollte doch bei seinen Mitbürgern schon etwas bedeuten.

Seine Frau kam ihm wie immer freundlich entgegen, und hatte schon mitdem Mittagbrod auf ihn gewartet.

Jedenfalls war dies ein glücklich Gegenstück zu des Gerbers Ehe, der sich Wohlsolch' herzlichen Empfanges nie zu erfreuen hatte.

Des Schmiedes Weib war eine schlanke, noch jugendliche Gestalt, mit dem Stempelechter Weiblichkeit in ihrem ganzen Wesen: Eine echte Wirthin des Hauses, die, woihre Hand waltet, Glück und Behagen auszubreiten weiß.

Ihr Mann stellte nach der ersten Begrüßung den Korb auf den Tisch und sagte:Sich, was ich dir mitgebracht." Sie blickte hin. Das Kind schlug, wieder muntergemacht, die großen blauen Augen auf und lächelte sie so freundlich an, daß es ihrwohlthuend durch die Seele zuckte. Zu einem Mutterherzcn findet jedes verlassene Kini»rasch den Weg.

Er erzählte sein Abenteuer und den Entschluß, das Kind als Ersatz des verstor-benen Otto anzunehmen.

Das junge Weib willigte mit Freuden ein.

Mit weiblicher Neugier wurde noch einmal an dem Kleinen herumgcforscht, eiuZeichen seiner Abkunft zu entdecken, aber sie fand weiter nichts, als eben den NamenLudwig" in seinem Hemdchen eingestickt, doch noch etwas anderes jenes schon vonder Alten entdeckte, nur von den Männern übcrschene Mal, die scharf ausgeprägte Hand.

Vielleicht führt dies einmal zur Entdeckung seiner Eltern," bemerkte die Frau.

Das wird schwer halten!" cntgcgnctc der Schmied, und fügte dann abweisendhinzu:Also Ludwig heißt der Junge, wir wollen den Namen beibehalten, wenn sichauch das Räthsel nie lösen sollte."

Das junge Weib lehnte sich an seine Schulter und blickte forschend auf den Kleinen,als könne ihrem Scharfsinn die Entdeckung nicht entgehen. Plötzlich schien ihr ein er-leuchtender, sonderbarer Gedanke zu kommen, wie ihn Frauen im allzufein zugespitztenForschergeiste oft erhalten, und den Kopf schelmisch zu ihm aufhebend, sagte sie mit eigen-thümlichem Lächeln:Ich hab'S! das Kind sieht dir ähnlich, Hermann!"

Wie kommst du darauf?" frug ihr Mann befremdet.

Nun, siehst du nicht? dieselbe Stirne dieselbe Nase!"

O ganz und gar nicht, die meine ist ja kurz und stumpf, und die des Kleinen isbspitz und lang."

Aber die Augen? dasselbe Blau, meinst du nicht?" frug wieder hartnäckig die Frau.

Ah, ich merke, Schelm, wo du hinaus willst, du willst mich wohl gar zum Vaterdes Jungen machen?"

Und wenn ich's wagte?"

Dann wärst du halt auf recht falscher Fährte," entgegnetc ruhig der Schmied,der unwillkürlich an den Gerber denken mußte, der am Ende doch nicht so dumm war,als er das Aussehen hatte. Bei dem Prophetcnwort des Dicken kam ihre letztere muntereUnterhaltung ihm in Erinnerung, und er lächelte gemüthlich vor sich hin.

Dies Lächeln konnte das einmal argwöhnisch gewordene Gemüth der jungen Frauzur Unterstützung ihrer Vermuthungen sehr gut verwerthen, und mußte ihr auch wirklichspäter noch oft zu diesem Zwecke dienen.

Des Schmiedes harmlos offene Seele ging über dies Ereigniß rasch genug hinweg.Es lag nicht in seiner Art, große Erörterungen zu liefern, wo Thatsachen für ihnsprechen konnten. Er vertrauete, daß die glückliche Natur seiner Frau sich von solch'argwöhnischen, ihr fremden Gedanken bald befreien würde. Und wohl hatte er Recht,der ehrliche Sckmned, sie war in der That eine glücklich-gutmüthige Seele, aber nur bis