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Zwischen der immer enger sich schließenden Kluft abwärts steigend, kam sie wieder aueine Stelle, an der sie frei sich hinablassen mußte, und nochmals ging es ein Paar kleineMündungen hinunter bis zu einem Felsenvorsprung, auf den das Vöcklein, die letztenKräfte anstrengend, — seiner Retterin entgcgenklctterte. Das Seil hätte nur mehr eineKlafter weit gereicht. Die Sennerin macht sich nun in einer Tiefe von 80 — 9<N vondemselben los und band es um das Böcklein, das mit leichter Mühe cmporgezogcn wurde.Die schwerste Arbeit kam aber erst jetzt; es galt, auch die kühne Sennerin wieder glücklichhinaufzubringen. Das Seil wurde wieder hinabgelassen, bis es von ihr erfaßt werdenkonnte, dann schlang sie es in der vorigen Weise wieder um sich. So lange sie nochBoden unter den Füßen hatte, ging es ziemlich gut, wenn schon die oben Stehendenaus allen Kräften ziehen mußten; aber an der letzten Strecke kam die Gefahr. DasSeil wetzte sich an den Felscnkanten, die Sennerin verlor vom Zusammenschnürenfast den Athem, und die scharfen Steine ritzten ihr tief Hände und Arme, mit denen siesich am Seile hielt. Endlich konnte einer der Burschen ihre Hand erreichen, und mitkräftigem Ruck riß er sie aus dem Loche vollends herauf. Nasch lösten sie das Seil,und ohne einen Blick in die Tiefe zurückzuwerfen, gingen Alle schweigend auseinander.Fast anderthalb Stunden hatte die Arbeit gedauert. Das ist auch ein Bild aus demAlmeulcbcn! Dazu noch Schneefällc und Fröste, gewaltige Stürme, — stundenlangesSuchen nach dem weidenden Pich, das beschwerliche Zurücktragen der gefüllten Milch-butten, Mangel an allen Bequemlichkeiten — wahrlich, das Leben auf der Alm ist nichtimmer idyllisch, und die wenigen Lichtseiten erscheinen gerade deßhalb um so Heller, weildie Schatten ringsum um so tiefer sind. Zu beneiden ist das Loos einer Sennerin ge-wiß nicht; dennoch sind sie fröhlich und scheuen an Sonn- oder Festtagen, wenn sie dieReihe trifft, selbst einen drei Stunden weiten Weg nicht, um einem Gottesdienste bei-wohnen oder die heiligen Sakramente empfangen zu können. Ihr religiöser Sinn, ihrfestes Gottvcrtraucn macht sie muthig und zufrieden, und lächelt ihnen nur ein wenigdie Sonne des Glückes, — so erschallt aus voller Brust ein frischer Juchzer, der denTouristen glauben macht, es wohne da oben nur Lust und Freude, Liebe und Scherz!
(Des Pfarrers Kloster.) Ein Bischof, der seine Diöccse besuchte, bat sich zueinem Geistlichen zu Gaste und empfahl ihm Ersparung aller unnöthigen Kosten. DerPfarrer versprach es, hielt aber nicht Wort, denn er gab dem Bischof ein prächtigesGastmahl. Dieser konnte von seinem Erstaunen nicht zurückkommen und machte demPrediger hierüber, als über eine thörichte Verschwendung, Vorwürfe. „Beunruhigen Siesich nicht, Hochwürdigstcr," sagte der Geistliche, „Alles, was Sie da sehen, kommt nichtaus dem Einkommen meiner Pfarre." — „Aber Sie haben doch kein väterliches Erb-theil?" — „Mit Nichten," versetzte der Pfarrer. — „Das ist unbegreiflich. Wiemachen Sie denn das?" — „Ich habe da ein Kloster von jungen Nonnen, die sichmeiner annehmen und mich an Nichts Mangel leiden lasten." — „Was! Sie haben einKloster? Ich kenne ja keines an diesem Orte, das ist sonderbar und sogar verdächtig,mein Herr Pfarrer. Ich möchte doch dieses Kloster sehen." — „Nach der Tafel werdenes Hochwürdigster sehen und zufrieden gestellt werden." — Wirklich führte der Pfarrerden Bischof nachher innerhalb einer großen Ringmauer, die mit Bienenkörben angefülltwar und sagte zu ihm: „Hier sehen der Herr Bischof das kleine Kloster, — das unsgespeiset hat. Es bringt mir jährlich 1800 Livrcs ein, mit denen ich lebe und die feinenLeute, die mich besuchen, anständig aufnehme." Wer schildert das Erstaunen und dieZufriedenheit des Bischofs! Einige Zeit darauf machten ihm mehrere Pfarrer ihre Auf-wartung, um bessere Pfarreien zu erhalten. Er führte ihnen das Beispiel unseresPfarrers an und rief: „Haltet Bienen, haltet Bienen!"