Ausgabe 
29 (19.9.1869) 38
 
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LeS Instituts. In Schränken und hinter prächtigen SpiegelglaSschciben waren an dereinen Seite die verschiedensten Hieb-, Schuß- und Stoßwunden vernarbt und unvernarbtin naturgetreuer Nachahmung aus Papiermache wie mir schien ausgestellt. DieApparate konnten durch den einfachsten Mechanismus an den Körpertheil, der als zer-hauen, zerschossen, oder durchstochen gelten sollte, befestigt werden und die Täuschung wareine vollständige. An der andern Seite standen und hingen die wichtigsten Bettler-Utensilicn: Krücken, Trottoir-Wägelchen, die von den verkrüppelten Subjekten selbstdirigirt werden konnten, Bcttleranzüge mit Tapferkeit?- und Rettungs-Medaillcn, Sammel-Büchsen mit den verschiedensten Inschriften, sogar mit Versen aus dem Horaz, Regen-schirme, die aus der Anfangszeit der Regenschirmbauknnst zu stammen schienen, und diezugleich als Zelt verwendet werden konnten u. s. w. Auf einem Tische lagen Armuths-nnd Unglücks - Zeugnisse aller Art; sie waren von Roonay selbst unterzeichnet und mitdem Siegel der Akademie versehen.

Das dritte Gemach war jedenfalls das merkwürdigste. Es glich einem großenHundezwinger und enthielt eine Menge ausgezeichnet dresstrter Bettlerhundc.

Dieser Hund da kann monatlich seine hundert Guineen allein verdienen," sagteRoonay und deutete auf einen Affenpintscher, über dessen klägliche Gestalt sich ein Steinerbarmen möchte.Da, Mop, bettle einmal diesen Herrn an," befahl der Meister undschnallte dem Hunde eine Sammelbüchse auf den Rücken.

Der Hund begann sein Concert in langgezogenen Klagetönen, die bald in ein kurzesGewimmer übergingen. Dabei näherte er sich mir in Complimcnten, stellte sich auf dieHinterfüße, reichte die rechte Pfote und zerrte an meinem Rockzipfel. Der Hund bettelteinbrünstig, flehentlich, Jedermann verständlich und beruhigte sich nicht eher, als bis ichein Geldstück in seine Sammelbüchse geworfen.

Sein Nachbar Armstrong spielt in einer ganz anderen Tonart," sagte Roonayund löste eine dänische Dogge von der Kette. Auf der großen Büchse, die ihr auf denRücken geschnallt wurde, stand das gebieterische:Das Geld oder das Leben!"

Fürchten Sie sich nicht; er wird Ihnen nichts thun, sobald Sie Ihre Börse indie scinige ausschütten."

Auf einen Wink ihres Herrn richtete sich die ungeheure Dogge zähnefletschend vorwir auf und schnappte, als ich nicht sofort in die Tasche griff, mit geradezu gefährlichenPantomimen nach meinem Halse.

Das ist ja keine Bettelei mehr," rief ich unwillig,das ist ja moderner Straßen-Raub!" Dann wanderte der Inhalt meiner Börse in die habgierige Kasse Armstrongs.

Die Extreme berühren sich," meinte Roonay achsclzuckend.Der Hund ist aberein Muster von Dressur."

Da ertönte die Glocke. Roonay wurde in das Parlonr verlangt. Während ermich durch die Säle zurückführte, erzählte er mir noch, daß er mit seinem Institut eineFabrik in großartigem Maßstabe verbinden wollte, darin alles zum Bettler-Ressort Gehörigeauf das Vollkommenste und Zweckmäßigste angefertigt und auf Verlangen auch überSee versendet werden sollte. Als mir Roonay aber an der Thüre die Hand zu bietensich erdreistete, zog ich meine zurück und empfand dabei ungefähr das, was ein Wan-derer empfindet, wenn er im Grase träumend liegt und plötzlich eine Kröte über seinGesicht schlüpft.

Auf der Straße erst, wo ich einen Fiaker verlangte, wurde ich an meine leere Börseerinnert. Der moderne Bettel-Professor und mittelalterliche Raub-Ritter hatte es richtigfertig gebracht, mich um meinen letzten Penny zu bringen, und ich konnte ihn nichteinmal gerichtlich belangen. Im Gegentheil, ich hätte im Auklagefalle noch Collegicngeldzahlen müssen und zwar hohes, denn er hatte privatissime gelesen.

Druck, Verlag und Redaction des Literarisclen Instituts von i)r. M. Hnttler.