Ausgabe 
29 (26.9.1869) 39
 
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Nro. 39.

26. Sept. 1869.

Aengstlich zusinuen, was mauhätte thun können, ist das übelste, was man thun kann-

Lichtenberg.

Die Hand

Historische Novelle von Ludwig Habicbt.

(Fortsetzung.)

Jetzt war Friede geworden und Ruhe in's Land gekehrt.

Es schien darnach von dem ehrenwerthcn Baltzer eine rechte Last genommen zu sein.Der während des Krieges zuweilen unwirsche, ungeduldige Mann war wieder leut- undredselig wie zuvor, daß sich darüber sein treues Eheweib recht glücklich fühlte. Er warüberhaupt ein viel erfahrener Mann, der nicht blos gedankenlos vor sich hingelcbt, son-dern nach Grund und Ursache der Dinge geforscht hatte, und darum den Seinen überKieles Aufschluß geben konnte, was ihnen fremd und räthselhaft.

Wenn die Feierabcndstunde nahte und der Meister mit seinen Gesellen den Hammerniedergelegt, dann erzählte er wohl gern von seinen früheren Fahrten, als Soldat unterHerzog Conrad zu Glogau, der gegen Heinrich Crassus von Liegnitz , den Großvater desjetzigen Boleslaus, Krieg geführt.

Die junge Frau aber konnte die jüngst verflossene Vergangenheit nicht überwinden,und frug einmal, warum denn der finstere Boleslaus in's Land gezogen und Alles ver-nichtet und verheert, wie roh und grausam nicht dies Alles gewesen.

Aber, verdenken kann ich's ihm nicht," bemerkte der Schmied,er hat nur hcim-bezahlt, was der Glogauer Ahn, der strenge Conrad, seinem Großvater zugefügt."

Und was hat denn der gemacht?" frug Ludwig erwartungsvoll.

Er hat den armen Heinrich gefangen genommen und in einen Käfig so lange ein-gesperrt, bis dieser in Verzweiflung ihm die Hälfte seiner Länder abgetreten, um nurfrei zu werden."

Aber, er war ja Herzog," bemerkte der Junge,da mußte er sich nicht ge-fangen geben."

Ei, seht' mal den kecken Mund, thust ja, als wärst du selbst ein Fürstensohn!Es würde wohl nicht so leicht gewesen sein," fügte der Erzähler erläuternd hinzu,wenner nicht von einem seiner Leute, dem er noch dazu sein volles Vertrauen geschenkt, imBade überfallen und seinem Feinde Conrad überliefert worden wäre."

O, das ist recht schlecht von dem Kerl!"

Ja wohl, mein Söhnchen, selbst dann noch, wcnn's wie hier aus Rachegeschah. Heinrich hatte, des Verräthers Vater wegen eines begangenen Mordes hin-richten lassen."

Nun, dann war ja Heinrich im Recht," bemerkte sein Weib.O solch' rach-süchtige, elende Menschen!"

Aber Conrad war noch elender, diesen Schurkenstreich zu benutzen, und ihn ineinen Martcrkäsig zu sperren, in dem der Gefangene weder stehen noch liegen, ja nichteinmal gehörig sitzen konnte."

Das ist abscheulich!" riefen die Zuhörer entrüstet aus.