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„Jetzt hat nun des Gefangenen Enkel, Baleslaus, diese Schuld an den Nachkomme«Canrad's gerächt; nur daß das Land die Verbrechen und die Schuld seiner Fürsten am«eisten zu tragen und zu fühlen hat."
„Dann ist's recht von Boleslaus, daß er Krieg geführt," — sagte der Knabe mitfunkelnden Augen. „Wie Prächtig muß das sein! Wenn ich groß werde, dann thu' ichdas Alles auch "
Die Mutter verwies ihm die wilden Reden, doch Baltzcr sagte lächelnd: „Laß ihn«ur, das wird ein tüchtiger Schmied."
Solche Erzählungen entzündeten die Phantasie des Knaben, er träumte von nichts,als Kampf, und wollte einmal ein tüchtiger Kriegsmann werden.
Sobald er nur den Hammer schwingen gelernt, schmiedete er sich mit Hülfe seinesPflegevaters ein kleines Schwert, und nun war der Held fertig, der auf dem FlügelrössePhantasie in jede, auch die heißeste Schlacht zog, und mit glücklichem Selbstbewußtsein«ls Sieger heimkehrte.
Das Mädchen war ganz anderer Natur. Still und unmuthig lebte sie ihre Kind-heit hin, aber doch hatte das ruhig-verständige Walten der Mutter, hier durch den Ein-fluß des lebhaften, beweglichen Vaters, eine Mischung von Phantasie und Träumereierhalten, die dem kleinen Wesen ganz wohl stand. Wo die Mutter schlicht und einfach,doch sauber, im Hause herum ging, und mit stillem Ernst nur Eines zu kennen schien,die Sorge für ihre Familie, da fing das kleine Püppchen schon an, sich zu putzen undzu schmücken, und sie konnte außer sich vor Freude werden, wenn ihr der Vater eingoldschimmernd Band oder dergleichen schenkte, das sie dann mit rechter Geschicklichkeit anihrem Kleidchen anzubringen suchte.
Ihrer keimenden Eitelkeit war es ganz recht, daß Ludwig auf die an den Gartenanstoßende Stadtmauer, von den über dieselbe herüberhängenden Baumästen eine Art Zeltgebaut, es ihr geschenkt, und mit seiner schwunghaften Phantasie zum Schloß und siezum Edelfräulein erhoben.
Wie schön sah sich's nicht da herunter in die weite, blühende Flur, wie schweifteda der Blick so frei und selig in's Weite, wie er's von dem Altan eines Schlosses nichtfreier gekonnt.
Da spannen die Kleinen reich und blühend ihren Lebenstraum aus und die grünenBlätter schmiegten sich an ihre erhitzten Wangen, — als wollten sie von künftigerErfüllung lispeln.
Wer saß nicht einmal in einem solchen Schlosse? Wen umwehte nicht jedes Lüftchenmit einem wunderbar zauberischen Athem — wer träumte nicht den lieblichen, ewig süßim Herzen nachklingenden Frühling — wem schimmerte nicht durch das Blättergrün derHoffnung eine lachend glückliche Zukunft? Und wem welkten und dorrten nicht dieseBlätter allzufrüh?
In des Knaben Phantasie stiegen dann die glänzendsten Bilder auf. Er träumtesich aus's Schlachtfeld, verrichtete Heldenthaten und stieg immer höher und höher, bis erals Graf auf edlem Rosse vor der Schmiede-Werkstatt halten und dort Alle in Erstaunenund Entzücken versetzen konnte.
Aber solch' kühnem Fluge der Phantasie vermochte seine kleine Spielgefährtin nichtzu folgen, und wenn er eben noch in voller Rüstung auf Prächtigem Renner gesessen,dann sprach sie davon, wie hübsch das sein würde, wenn er mit hinter dem Amboßstehen und nicht blos Hufeisen, wie der Vater, sondern auch goldene Ringe und Spangenschmieden würde.
Eine solch' nüchterne Entgegnung kühlte Ludwig nicht ab, vielmehr schwatzte er sichmit um so größerer Zuversicht in das närrische Zeug hinein, bis dann die Kleine beun-ruhigt und geärgert zur Mutter lief und ihr klagte, daß Bruder Ludwig nicht Schmiedwerden wolle, wie es doch der Vater sei, sondern — Graf.