Ausgabe 
29 (26.9.1869) 39
 
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Die Mutter aber lächelte gutmüthig zu de» Streit und frug:Warum willst duden« nicht, daß Ludwig Graf wird?"

Nein," erwiderte die Kleine fast weinend:er soll hier bleiben und iu meinemSchlöffe wohnen."

Das wird er schon," beschwichtigte sie die Mutter,werde nur erst groß, dannbleibt er dir zu Lieb gewiß!"

Wenn aber ihr Mann etwas davon plaudern hörte," sagte er stets ironisch:Oja, er wird noch Grafenschmied werden."

Ludwig galt in der Familie als Sohn. Weder Baltzer noch seine Frau hatten demKnaben je mitgetheilt, daß er nur ein 'Aufgenommener sei, weil sie ihn liebten und ihnensein kindlich anschmiegendes Wesen so wohl that, daß sie es durch eine solche Mittheilungnicht erkalten lasten wollten.

Er war inzwischen ziemlich herangewachsen, und half dem Schmied fleißig undeifrig bei seiner Arbeit, so gut er eS vermochte. Da, eines Tages, als der Letzterenicht daheim, kam der dicke Meister Gerber mit einer Bestellung. Die Hausfrau wiesihn an Ludwig.

Ei, seht 'mal, was das für ein tüchtiger Junge wird," bemerkte er gutmüthig,da haben wir doch etwas Gutes gefunden, nicht wahr, Frau Meisterin?" Sie hattedoch insgeheim den Meister Gerber über das damals so eigenthümliche Ercigniß auszu-horchen gesucht, und der etwas selbstgefällige Mann freute sich so ganz im Stillen, daßsein Wort bei diesem seelenguten Weibchen zugetroffen. Um sie nur zu beruhigen, beganner auch heute wieder davon zu sprechen.

Die Frau, nicht ganz ohne Absicht, setzte das Gespräch, anstatt abzubrechen, weiterfort, und der Gerber erging sich in ein Langes und Breites über die gar so spassigeFinde-Geschichte, und so erfuhr Ludwig zum ersten Mal, daß er in diesem Hause nurein Fremder sei.

Ein recht tiefer Schmerz durchzuckte seine Brust. Er fühlte sich plötzlich so verein-samt, so von all' den liebenden Herzen für ewig hinweggcristen, daß er hinaus in denGarten eilen und seinen Thränen freien Lauf lasten mußte.

Die gute Frau hatte damit nichts Arges, sie würde eine solche Entdeckung nichtherbeigeführt haben, das lehrte sie ihr gutes Herz, aber sie stellte sich ihr nicht geradezuin den Weg und vielleicht aus triftigem Grunde. Sie sah ihres Kindes zärtlich An-schmiegen an den vermeintlichen Bruder, und dachte sich das so hübsch und Passend, wenndie Beiden ein Paar würden, und da war es gut, daß sich das Verhältniß aufklärte;waren sie dennoch wirkliche Geschwister, so dachte die verständige Frau weiter dannmußte der verschlossene Mann doch endlich seine Schuld bekennen.

Aber er schwieg, obwohl ihn das Ereigniß unangenehm zu berühren schien, denn erliebte Ludwig und kannte seine bewegliche, leicht empfindliche Seele, um den verwunden-den Stachel, den diese Nachricht für ihn haben mußte, zu mildern, war er gegen diesennoch sanfter und freundlicher als sonst.

Ulrike aber bemerkte tröstend:Aergere dich nicht, ich mag doch keinen anderenBruder, als dich, und will dich immer so lieb haben, wie jetzt, wenn du nur beiuns bleibst."

Ludwig mußte die gleiche, unveränderte Liebe und Wärme seiner Umgebung fühlen,und davon im beunruhigten Gemüth besänftigt werden, aber in dem Innersten seinerBrust zitterte zuweilen der schmerzaufwühlcnde Gedanke herauf:Du bist ein Findling!"

(Fortsetzung folgt.)