Georg fühlte sich davon, daß in dem Hause des Schmiedes eine einzige Person ihmmit offener Verachtung begegnen durfte, tief verletzt. Der in den Tiefen des Mcnschen-herzcns bewanderte Hofmann wußte recht gut, daß die von Einigen auf uns übertrageneLiebe immer mehr Herzen heranzieht, aber auch ebenso der auf uns gerichtete Haß unsAndere entfremdet, weil eine scharf ausgesprochene Meinung sich stets Geltung zu ver-schaffen weiß, und diesen ungünstigen Einfluß befürchtete er besonders bei Ulriken, vonder er wußle, daß sie auf Ludwigs Meinung etwas gab, weil sie von Kindheit aufgewöhnt gewesen, in ihm ihren natürlichen Berather und Schützer zu suchen.
Obwohl er diesen schädlichen Einfluß schon zu fühlen vermeinte, denn Ulrike war inihrem Schwanken uud Wählen abwechselnd bald wärmer, bald kälter, so hätte er dochohne Sorge sein können, — wo einmal die Liebe mit flammender Leidenschaft eingezogen,da findet die Stimme der Vernunft, rathender Freundschaft kein Gehör, und Ludwigwar auch zu stolz, ein Wort der Warnung zu sagen, weil er fürchten mußte, dies doch'nur als Folge von Eifersucht betrachtet zu sehen.
(Fortsetzung folgt.)
Der Blick in das Grab.
So wie langwierig und unheilbare Kranke, wenn das Ende ihrer Leiden naht, beider besten Zuversicht ihrer Genesung doch gewöhnlich von einer Unruhe, einer Sehnsuchtnach Aenderung ihres Aufenthaltsortes lebhaft ergriffen werden, die sie ein anderes Klima,eine andere Wohnung, wenigstens eine andere Stube oder doch immer wieder eine andereStelle für ihr Bett dringend begehren machen — das Weh des Zugvogels im Käsige,wenn seine Zeit herankommt — so sehen wir anderseits, daß gegen den Schluß der raschverlaufenden Krankheiten die Leidenden sich schon in der Fremd?, von Unbekannten umge-ben, gequält, zurückgehalten wähnen und heftig und angstvoll heim verlangen.
Der talentvolle Chemiker L *** lag im Entzündungssiebcr. Das Uebel hatte dieHirnhäute ergriffen, er rang zwischen Leben und Tod. Seine schwcrbckümmcrte Gattinklagte dem Arzte, wie er — auch sogar in dem qualvollen Zustande der Kranken, woin das wache Bewußtsein und Erkennen sich die Ficbcrbildcr mit unabweisbarer Frechheiteindrängen — forwährcnd nicht zu Hause zu sein behaupte wie ihn Dieß sehr beängstigteund er durch alles Zureden kaum für Augenblicke zu überzeugen sei, daß er nicht eineStube in der Wohnung einer Frau Hill habe beziehen müssen, welche einen sehr widrigenEindruck auf ihn gemacht habe. Er nannte diese Frau oft, sah sie leibhaftig, und warviel beschäftigt, sich aus ihrer Behausung loszumachen. Der Arzt fragte, ob der Krankeeine Frau dieses Namens kenne oder vielleicht in der letzten Zeit irgend eine englischeNovelle gelesen habe? Aber der tüchtige. Praktische Mann hatte so viel in seinem Fachezu lesen, daß er an Uuterhaltnngslektürc nie denken mochte, auch gab es keine Frau die-ses Namens unter allen, die er kannte, und sie erschien ihm selbst als eine Fremde.Nicht Nückerinnerung also, sondern reine Fiebcrphantasic.
Er unterlag der Krankheit, und die trostlose Wittwe sah den Vater ihrer drei unmün-digen Kinder zum Fricdhofe hinaustragen. Es war ihr Bedürfniß, einen Theil desgeringen Nachlasses zu einem Gedächtnißstein für den theuern Todten aufzuwenden. Alser fertig war und aufgerichtet werden sollte, betrat sie selbst zum ersten Male den Got-tesacker; sie ließ sich den Grabhügel zeigen, der ihr Glück einschloß, und las dicht nebenihm auf einem Kreuze die Inschrift: „Hier ruhet in Gott die Wohledle Frau AnnaHill."