Ausgabe 
29 (17.10.1869) 42
 
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Oh! das will ich meinen," bemerkte heiter der Schmied,euch Weibern kann soetwas nicht entgehen."

Aber der arme Junge muß einen Kummer haben, er sieht so blaß und abge-härmt aus."

Dächte nicht hat's auch gar nicht nöthig," entgegnete der Schmied.

Ich glaubte, du wärest zu stolz, ihm Ulriken zu geben!"

Zu stolz?" fragte dieser befremdet,das wär' doch etwas stark imGegentheil "

Ja, ich hab' immer gefürchtet, du würdest dich daran stoßen, daß er nur einFindelkind."

Ein Findelkind? Potz Betten, meinst du den Ludwig?" fuhr der Schmied heftigauf und sein gerathetes Gesicht verrieth, wie plötzlich und unangenehm er aus denWolken gefallen.Zum Teufel mit dem Jungen, dem's nicht im Traume einfallen soll,an die Ricke zu denken."

Die arme Frau sah ganz bestürzt und unglücklich darein. Sie konnte dieses Auf-brausen nicht begreifen und der Schmied, dessen Zornesausbrüche, weil so heftig, nie vonlanger Dauer wa,ren, setzte begütigend hinzu:Nein, Alte, wie kannst du nur so albernfein, ich meine den edlen Herrn von Strehlcn, der die Ricke heimführen wird!"

Da die sanftesten Einreden hiergegen gleich ihres Mannes Zorn von Neuem erreg-ten, fühlte die Frau wohl, daß des armen Ludwig's Liebe, zu ihrem großen Schmerz,eine hvffnungs- und zukuuftslose sei; doch wollen ja eben edle Fraueuherzen den zarten,duftigen Lebenstraum zu einem glücklich versöhnenden Ende führen. Zugleich erwachtevon Neuem in ihr der beunruhigende Gedanke an ihres Mannes begangene Untreue,weil er gleich so heftig den Vorschlag einer Heirath zwischen Ludwig und Ulriken vonder Hand gewiesen.Sie sind doch Geschwcster," dachte sie jetzt von Neuem,nurdeßhalb dürfen sie sich nicht heirathen. O diese Männer!" und sie spann sich ganz stillund geschäftig in ein recht quälend Netz von Gedanken und Vermuthungen hinein,während es nur des Schmieds Eitelkeit war, die ihn so handeln ließ.

Georg behandelte Ludwig mit ausgesuchter Höflichkeit; es schien, als werbe er stetsum seine Gunst, während dieser sich nur uni so entschiedener zurückzog und ihm mitschlecht verhehlter Abneigung begegnete.

Auf die zuvorkommendsten Fragen erhielt er von Ludwig ein mühsam hervorgcprcßtesJa" oderNein" zur Antwort, und die sonst so offene, freundliche Natur hatte geradegegen diesen von den klebrigen so geschätzten Mann eine Kälte und Verschlossenheit, dieAllen im Hause auffiel.

Der Schmied schalt auf dieß ungebührliche Betragen gegen feinen Gast, selbst diegutmüthige Hausmutter machte Ludwig sanfte Vorstellungen vergebens er blieb inseiner schroffen, abwehrenden Haltung. Wenn er hätte Gründe, überzeugende Thatsachenzur Rechtfertigung seines Benehmens angeben sollen, es würde ihm schwer gefallen sein.Er folgte nur der Stimme seines Herzens und hatte vom ersten Augenblick des Zusammen-treffens mit Georg an geahnt, daß zwischen ihnen nie Harmonie walten, kein einzigerTon zusammenklingen könne. Und er konnte nicht anders, er mußte ihn hassen, obgleichkeine einwirkende Ursache vorhergegangen; in seinem Herzen war dies Gefühl unwill-kürlich aufgeschossen, wie es mit der eisten Liebe geschehen soll. Dieser Haß ist derdauernde, uuvcrlöschbare, weil er auf keiner wiederfahrenen Kränkung, keiner bitterenErfahrung beruht, sondern ganz aus ^ich selbst hcrvorgewachsen, so recht ohne Anfang,ohne Ende ist.

Vom Feinde erlittenes Unrecht, so tief es uns Anfangs schmerzt, bietet auch zugleichdie Handhabe zur Versöhnung, wir haben etwas Positives, das ein glücklicher Zufallhinwegräumen und das frühere Verhältniß herstellen kann, während es dort nichts aus-zulöschen gibt, wo sich die Hände begegnen konnten.