Ausgabe 
29 (24.10.1869) 43
 
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Georg war bei dem Abgänge des Letzteren zugegen und wünschte ihm auch eineglückliche Reise, ohne kaum ein Nicken des Kopfes als Antwort zu erhalten.

Der Schmied wollte sich gegen Georg darüber entschuldigen, doch dieser cntgegncteso laut, daß es Ludwig noch hören mußte:Lasset immer den armen Jungen, er scheintmir meinen höheren Stand zu beneiden! Ich verarg's ihm nicht, das Schicksal hatihm doch zu schlecht mitgespielt, ihn als Findelkind in die Welt zu schicken."

Ludwig warf ihm einen Blick voll kalter Verachtung zu und eilte hinweg.

Ihn seine Geburt so recht fühlen zu lasten, darauf hatte Georg bei Allen hinzu-wirken gesucht, und stets die Betonung darauf gelegt, daß mit einem Findclkinde dochnicht so viel Aufhebens zu machen sei.

Ulrike crröihcte, sie fühlte heute wieder recht klar den Unterschied zwischen Beiden,und daß ihr Pflegcbruder doch nur ein armer Findling war.

Georg machte nach Tisch noch einen kurzen Besuch bei dem kranken Meister, derdavon recht erfreut war. Erst mit der nahenden Abendstunde empfahl er sich.

Ludwigs Geschäfte hatten ihn wirklich auf jene Stelle geführt, auf der er als Kindgefunden sein sollte.

Ein wehmüthig schmerzliches Gefühl überschlich seine Brust. Die alten Eichenrauschten über seinem Haupte, sie mußten Denjenigen gesehen haben, der über seine GeburtAuskunft zu geben vermochte. Er kniete und küßte den Boden.

Vielleicht," dachte er,ist hier die Thräne gefallen, die um mich geweint, als manmich hüls- und namenlos in die Welt hinauszuschleudern gewußt." Er hätte die Bäumefragen mögen, aber sie rauschten gedankenvoll weiter und schienen ihm zuzuflüstern:WirWissens nicht, du bist nur ein Findling."

Die Schritte dessen, der mich diesem Schicksal überliefert, sind längst verhallt,"klagte er weiter,keine Spur läßt sich finden keine. Da singen die Leute: die dun-kelsten Geheimniste werden licht es wird überall Tag, nur auf mir ruht eine ewigeNacht! Ich fühle mich so fremd dort bei den Leuten, die mich aufgenommen, daranträgt dieser tückische Mensch die Schuld, er verstand es erst, michFindelkind" zu nennen,und seitdem sie mich dort Alle zu dem gestempelt, ist's so leer, so kalt in meiner Brust ich sehne mich nach einem Multerherzen, an dem ich liebend ruhen, nach einem Vater,.dessen Stolz ich werden könnte." Er streckte die Arme verlangend aus, seine Brustwogte, seine Schläfen pochten, aber still und schweigend blieb's im Walde und derAbendwind wehte nur kühlend um seine Stirn.

Die Hand auf meiner Brust ist so deutlich, so scharf, aber meine fernen, unbe-kannten Eckern kann sie mir nicht zeigen, führt sie mir nicht zu, und doch war dies solange meine einzige Hoffnung."

Die untergehende Sonne glitzerte durch die Bäume und zog ihre lichten Fäden,zauberisch durch das Waldesgrün, als er sich sinnend ^und träumend auf den Weg machte.Der letzte freundliche Strahl der Sonne zerdrückte die Thräne in seinem Auge, er beflü-gelte die Schritte, um sie auf einer kleinen Anhöhe noch einmal zu erreichen, aber er kamzu spät sie war untergegangen,und so meine Hoffnung, mein ganzes LebenSglück,"feufzte es in seinem Herzen nach.

Es dunkelte schon, als Ludwig den Waldessaum erreichte; Plötzlich stürzte ein Mannmit hochaufgeschwungencm Schwert auf ihn zu und kaum, daß Ludwig den Kopf erschrockenzurückbeugen konnte, saß die Waffe auf seiner Schulter. Das noch zu wenig lichte Gehölzmochte den Angreifer am kräftigen Ausholen gehindert haben, denn der Schlag, der aufden Kopf gerichtet, war nicht einmal tief in's Fletsch gedrungen. Ludwig sprang jetztzurück und ehe noch sein Feind das Schwert von Neuem erheben konnte, sauste sein-eiserner Stock, bester treffend, als derbe Antwort auf des Angreifers Haupt, daß dieserdavon wie eine im Kern getroffene Eiche zusammenbrach.

Er beugte sich jetzt über den Gefallenen, der betäubt kein Glied zu rühren vermochte.