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Ludwig wollte kaum seinen Augen trauen, den noch vor Kurzem für todt am Bodenliegenden Georg an der Seite Ulrikens Hereintreten zu sehen, und er stand, wie in dieErde gedonnert, als ihm der Schmied wüthend zurief: „Nun, Verleumder! wiederholenoch einmal deine frechen Lügen!"
Sich dieses Räthsel augenblicklich zu erklären, vermochte Ludwig nicht; es mußteentweder die Erscheinung im Walde oder die jetzige ein Trugbild der Hölle sein, und indumpfem Hinbrütcn hierüber ließ er gleichgültig Alles über sich ergehen, ohne nur einWort der Abwehr, der Entschuldigung zu sagen.
Der Schmied erzählte entrüstet das so eben von Ludwig Berichtete, — und Georgsagte höhnisch lachend: „Du siehst, was in dem Jungen steckt, der zu den frechstenVerleumdungen fähig, um sich hier einzunisten und mich zu verdrängen. ' Wer weiß, inwelcher Schenke er sich herumgetrieben und Prügel bekommen, und jetzt will der Bubedas klüglich benützcn und mich aus dem Sattel heben. Weit gefehlt, mein Söhnchen,der Meister ist zu erfahren, dir solch' albern Zeug zu glauben."
Alle waren plötzlich von den tückischen Lügen Ludwigs überzeugt, und trotzdem, daßJahre des innigen, trauten Zusammenlebens, in denen sie ihn als eine ehrliche, offeneNatur kennen und schätzen gelernt, für ihn sprachen, so lag doch Vieles vor, das seinerAussage jeden Halt und Glauben rauben mußte.
Georg war ein so feiner, edler Mensch, pah! einen Mord ihm anzudichten, warschon ein Verbrechen, — und dann, wie konnte ein Mensch, der für todt auf die Erdegestreckt worden, gesund und munter fast zu derselben Zeit beim Schmied einsprechen undharmlos mit Ulriken in der Laube plaudern?
Und doch kannten sie sämmtlich nicht die wunderbare gewaltige Macht des mensch-lichen Willens, die, wenn sie durch irgend eine Feder auf's Höchste gespannt wird, dasUnmöglichste möglich macht.
Georg hatte Anfangs nur Ludwig aus dem Hause zu verdrängen gesucht, weil ergeglaubt, es genüge, den Jungen in die Welt hinauszujagen, und da ihm dies nichtgelungen und auch nicht sicher genug schien, so mußte blutiger durchgcgriffcn werden.
Pah — ein Mord — was wollte der in jenen Tagen sagen, und dann blieb erja für immer in Nacht gehüllt!
Die heutige Gelegenheit war eine besonders günstige, er kannte den Platz, wo Ludwiggefunden worden, da er mit dem Schmied einmal dort gewesen — und wußte, welchenWeg Ludwig bei der Rückkehr einschlagen mußte.
Er warf sich daher rasch auf's Pferd, um Ludwig aufzulauern, und noch so frühzurückzukommen, daß nicht ein Funke Verdacht auf ihn fallen konnte.
Sein Mordanfall scheiterte, wie wir gesehen, an des Angegriffenen Entschlossenheit.
Ludwig hatte sich kaum entfernt, als Georg von Neuem die Augen aufschlug, undzum völligen Bewußtsein kam. Er knirschte vor Wuth mit den Zähnen, nicht nur seinePläne waren vernichtet, sondern er selbst in die Hände seines Feindes gegeben.
Der Gedanke konnte ihn rasend machen. „Ich Thor, warum vergaß ich meinenDolch, der hätte bester gesessen!" murmelte er vor sich hin; plötzlich schoß im ein anderer,neu belebender Gedanke durch den wirren Kopf.
Er versuchte aufzustehen, taumelte zwar Anfangs wie betrunken noch einmal zurück,dann gelang es ihm endlich, sich auf den Beinen zu halten.
Ein teuflisches Lächeln spielte um seine Lippen und er keuchte hervor: „Ich mußeher dort sein, als der alberne Junge, und sollte ich dann zusammenbrechen. Nur indem liegt meine Rettung vor Schimpf und Schmach."
Er schleppte sich mühsam nach seinem in der Nähe stehenden Pferde, und der ihnfast vernichtenden Qualen nicht achtend, jagte er Sprottau zu, um den summenden,geschwollenen Schädel, der einen ganzen Bienenstock zu beherbergen schien, in kaltes Masterzu stecken, sich umzukleiden und zur Schmiede zu eilen.