Ausgabe 
29 (26.12.1869) 52
 
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Nro. 52.

26. Decbr. 1869.

Augsburger

Welch ein Gewühl auf Markt »vd GassenVöm Thurme schallt das Festgeläut',

Kaum kann der Raum die Meuge sassen,

Es ist ja heil'ge Christnacht heut.

Iah. Nep. Vogl.

Am Weihnachts-Abend.

Skizze von Ludwig Habicht .(Nachdruck verboten.)

Cstristmas," ruft in Dickens ^6Iiri5lmn8 Csrol" ein Neffe seinem OnkelSeronge zu, und wem in aller Welt gleitet wohl nicht unwillkürlich an diesem Abenddas Wort über die Lippe :Glückliche Weihnacht."

O schöne, glanzvolle Zeit, die von dem bedrängten, gequälten Herzen den düsternSchleier hinweghebt, Alles rosig und golden färbt und wär' cS auch nur für einen ein-zigen, glücklich durchträumten Abend! ...

In dieser seligen Stunde fühlen wir nicht mehr den Druck des Schicksals, dieSchwere unseres Kummers; wir tauchen mit hinab in die helle, silberglänzende Fluthder schönen, rosigen Stunden, und lassen uns so recht warm und innig umspielen vonden Schaumpcrlen einer schönen, längst vcrklungcnen Zeit. Wir sind glücklich, für eineStunde glücklich, denn es ist Weihnachten und der grüne Christbaum mit seinen leuch-tenden Flammen erzählt uns von einer schönen, heitern Vergangenheit, von Jugcndtraumund Kindcrlust, von allem Theuersten der Erde! . . .

Es. liegt eine Poesie, ein Zauber in diesem Abend, der seine verklärenden, leuch-tenden Strahlen bis in die fernsten Zeiten wirft, und das Herz immer wieder jung zumachen weiß, weil immer neue, glücklich bewegte Menschen den brennenden Baum um-ringen und damit die vcrklungene Zaubcrwclt vor's Auge rücken. Und wer kein Herzmehr für diese sonnigen Stunden hat, wem es erstarrt und erfroren im Gewühl desLebens, wer dürr und nüchtern mit verdrossenem Auge auf diesen Jubel, diese Seligkeit,diesesGlücklichmachen und Glücklichscin" blickt, wem Geld und Geschäft Alles undWeihnacht - Poesie und Sonnenschein nur unnützer Trödel scheint, der fasse einmal denMuth, die oben bezeichnete Wcihnachts-Geschichrc des berühmten englischen Humoristen zulesen, und wie ein Frühlingsschaucr wird's über seine Seele wehen und die harten,rauhcu bedanken werden aufthauen und sich warm und liebend um die Menschheitschlingen. An diesem Abend, an dem jedes Auge nach einem Funken Freude, jedes Herznach einem TropfenGlück" schmachtet, wird er sich auch mit reichen, vollen Händenbeigetragen sehnen: Glückliche zu machen und Sonnenschein zu bringen, auch in dieumnachtctsic Urnst.

Möchte an diesem heiligen Abend der Weihnachtsengel überall den verhärteten undversteinerte», imGeld- und Marklwcsen" verrosteten Herzen diesanfte Leuchte" der

vorhalten, daß es ihnen plötzlich tage und sie einsehen lernen: Geld

Reichthum Ehre ist kein Glück und nur die dankbare Thräne, die uns aus demAstge vom Untergänge Geretteter cntgcgenzittert der warme Händedruck eines Freun-des in Liebe und Treue verbundene Herzen das ist Alles das ist der Reich-thum einer Welt!

Wenn keines, dann ist Boz Dickens Olirislinns. Csrol" das Werk eines Dichters