Ausgabe 
29 (26.12.1869) 52
 
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Sie feiern eine Weihnacht, recht einfach und ärmlich, diese armen Leute, aber daTHerz weiß nur von Glück und Freude, und athmet die warme Strömung der ewige»Gottesliebe.

Der arme Tiny Tim sitzt dicht bei seinem besorgten Vater, der liebevoll die Handseines Kindes erfaßt, als fürchte er, es könne ihm entrissen werden. Auch der stcinharteScrooge wird davon gerührt und frägt den führenden Engel mit warmem Interesse:Sage mir, wird Tiny Tim leben?"

Der Geist erwidert ihm:Ich sehe einen leeren Stuhl in dem Winkel des Kaminkund Krücken sorgfältig aufgehoben ohne ihren Besitzer."

O sage, bleibt er verschont?" ruft Scrooge lebhaft aus; doch sein Führer mähstihn an sein eigenes Wort,daß ja solch' ein Tod nicht viel bedeuten wolle, und damitnur ein überflüssiger Mensch weniger würde."

Aber dieser Krüppel ist seines Vaters geliebtestcs Kind, und dann hat er seine«Platz, dann erwärmt und erleuchtet er das Herz desselben, er ist kein unnützer Krüppelmehr, er ist sogar die Stütze des armen Mannes, die ihm das Leben leichter und an-genehmer macht.

Selbst das Unscheinbarste, Unbedeutendste wird lieb und theuer, wenn eS ein Strahlunserer Liebe vergoldet und dadurch für immer an unser Herz fesselt!

Der arme Schreiber trinkt die Gesundheit seines filzigen Herrn, so wenig sich dessenGeiz um ihn verdient gemacht, und entgegnet auf den Einspruch seiner Frau:MeineTheuere heiliger Abend!"

Ja, ein heiliger Odem weht dann läuternd, versöhnend durch die Herzen, und lichtund freundlich wird es darin, jede Flamme des Hasses, die so heiß in unserer Brustgelodert, ist zu Asche gebrannt und nichts übrig geblieben, als eine freundliche Wärmegegen das Leben und gegen die Welt.

Sein Führer zeigt Scrooge überall lachend-verklärte Gesichter, im dunklen Schacht,wie auf wogender See: allüberall der eine helle, freundliche Klang., als habe einemächtige, wunderbare Glocke ihre Zaubcrtöne zu Aller Herzen geschickt und sie zu stillerFeier, zum Eingang in das Tiefinnerste der eigenen Brust gestimmt. O, das ist herr-lich, daß es noch Stunden gibt, die läuternd-belcbcnd eine denkend-glaubcnde Welt durch-zucken und gleiche Gefühlsseligkeit, lichte, liebeKinderträume" allüberall hervorrufe«und wecken!

Der Engel führt den von mannigfachen Empfindungen bestürmten Scrooge in dasHaus seines Neffen. Auch dort ist Weihnacht, heitere glückliche Weihnacht, und seinjunger Neffe lacht trotz seiner Armuth so fröhlich, so recht aus beglückter, offener Brust,daß es überall ein Echo findet und unwillkürlich zum Mitlachen zwingt. Sie plaudernvon dem Onkel, lachen gutmüthig über den Geizhals, der über seinemScharren nndKratzen" die lachende, blühende Welt vergißt und mühsam dumpf dahinkcucht, das Lebenaus hohlen, verhungerten Augen betrachtend.

Der Geizhals muß gewahr werden, daßer" keine Schätze besitzt, sondern nur dieSchätzeihn" und noch dazu mit jeder Faser seines Herzens, daß er nicht mehr freudigaufathmcn, nicht mehr ruhigen Auges in die Sonne blicken kann, denn ewig klirrt dieKette seines Reichthums hinter ihm und schmiedet ihn an die Galeere eines elenden,jämmerlichen, von jeder Freude, allem Lebensgenuß entblößten Daseins.

Um ihn vollends zu bekehren und umzuwandeln, zeigt ihm der Weihnachtsengelder Zukunft seinen Tod kalt einsam-gräßlich. Keine Thräne fließt auf sein Grab Niemaud auf der Welt, der ihn betrauert, --- und als er, bewegten Herzens, seinenFührer nach einem Menschen fragt, den sein Tod vielleicht beglückt, da zeigt ihm diesereinen seiner Schuldner, der hoch aufathmet,. daß der ihm verfolgende erbarmungsloseGläubiger nun todt ist und er nun hoffen kann, die Erben milder und nachsichtiger'zu finden.