Ausgabe 
29 (26.12.1869) 52
 
Einzelbild herunterladen

Ob Traum, ob Geisterspuck das Alles? Scrooge weiß eS nicht er fragt auchnicht darnach genug, die wechselnden Bilder des Wcihnachtsengcls haben seine starreSeele erschüttert und das von Geiz und Habsucht gefrorene Blut seines Herzens beginntzu rollen, Jkiristmas, glückliche Weihnacht!" ruft er jubelnd aus, und Alles

erhält in seinem Auge eine lebhaftere, schönere Gestalt. Der Nebel ist gefallen,> daSHerz kann fühlen für fremdes Leid, kann klopfen für fremdes Glück, und jubelnd man»dert er hinaus in die klingende, lachende Welt, um Glückliche zu machen und fremde»Leid zu lindern, daß es hell zusammenklinge, der Friede da außen mit dem Frieden dereigenen Brust.

Er sucht seinen Neffen auf und feiert eine glückliche, frohe Weihnacht, aber nocheine glücklichere, als er am andern Morgen dem armen, schon ängstlich für sein Zuspät-kommen besorgten Schreiber seinen Gehalt erhöht, und dann für den kranken Tiny Timmit väterlicher Liebe sorgt.

Wie kalt ist die Welt ohne Liebe, wie öde das Leben ohne Freund! Wir dürfennur die Hand ausstrecken und Alles sinkt uns zur Brust: Liebe, Freude und Glück.Ein Weihnachtsabend ist es ja eben, der die Herzen aufthaueu soll, daß sie liebevollenSinnes für das Glück ihrer Umgebung sorgen und ein Lächeln auf die Lippen führen,die vorerst Schmerz und Verzweiflung zusammengezogen.

Halten wir Weihnacht in unserer Brust, daß darin der grüne Baum wahrer reinerMenschenliebe brenne, und dann wird uns auch das Verständniß aufgehen zu dem ewigschönen, kindlich-reinen Fest der Weihnachten, daß wir, geweiht und gehoben, dem neubeginnenden Leben entgegentreten.

Es lächelt nichts so himmlisch in unser Auge, als eine getrocknete Thräne, und da»unerbittliche, eiserne Schicksal sorgt dafür, daß dieser Quell nie versiegt. Wo wir trösten,helfen uiid lieben, da zieht in unsere Seele stillgeräuschlos der Weihnachtsabend ein, demjedes Herz entgcgenharrt.

Und so rufen auch wir mit Boz Dickens auS: Oliristinus, glückliche

Weihnacht!"

Möge der Weihnachtscngel Glück und Freude zu jedem Herzen tragen und diedunkelste Nacht erleuchten, möge überall Glück und Freude walten, der Weihnachtsbau«hell und freundlich brennen und um ihn glückliche, lachende Gesichter gaukeln!

Glückliche Weihnacht für die ganze Welt, und wo irgend eine schwer beladene, keu-chende Brust, da laßt uns helfen die Hand darauf und, wie Tiny Tim sagt:Gott segne uns Alle!"

Titian's Tod.

Selten wohl führte ein Künstler ein glänzenderes Leben, als Titian. Ruhm, Ehre,Reichthum alles war sein. Der Himmel hatte im sein Talent und seine Kraft, so frischerhallen, daß sein letztes Gemälde, welches er ihm Alter von 99 Jahren malte in nichtsseinem ersten nachstand, durch das er seinen Ruhm begründete, ja sogar in den Auge»vieler noch übertraf.

Ungetrübt floß sein Leben dahin in dem stolzen Venedig, unter allen Genüssen derUeppigkeit und des Reichthums z zur Muse hatte er eine Bachantin und seine Poesie ergoßer in das Haar seiner Geliebten, das wie ein Goldregen auf dem Schnee ihrer Schulternniederfiel. Nie hatte Titian mit den Versuchungen des bösen Engels zu kämpfen, niewurde seine Liebe betrogen, nie durfte er mit dem Elende ringen, nie nahte ein großerSchmerz seinem Herzen. Er lebte 99 volle Jahre, bewundert von Allen, selbst von denKönigen, selbst von den Kaisern. Franz I., hob seinen Pinsel auf und Karl V. verliehihm einen seltenen Adelsbricf. Dieser lautete:

Nachdem wir den Rath unserer vielgeliebten Fürsten, Grafen , Barone und andere