Feite 8
Dorabendblan
Mgsbirrger PostzeitUNA, 6. November 1913.
Borabendblatt
Mro. 511
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die zügellos gewordenen Völkermassen zu machenvermag.
Graf Forgach kommt von Dresden an denBallhausplatz; in dem schönen Elbllorenz hat erfreilich nicht den Orient so gründlich kennen ge-lernt. Aber der schneidige ungarische Herr war,ehe er nach Sachsen ging, k. u. k. Gesandter inBelgrad und hat sich dort unter sehr schwierigenVerhältnissen auf das Beste bcluährt. Er war zujener Zeit in der serbischen Hauptstadt akkredi-tiert,^ als der damalige Kronprinz Georg fast täg-lich seine knabenhaften Anwürfe gegen Oesterreich-Ungarn richtete. Der Gras hat sie mit sicherer Ruheabzuwehren gewußt, und eine Hofballszene, bei derKronprinz Georg den Gesandten brüskieren wollte,was ihm aber. völlig mißlang, ist noch in aller Ge-dächtnis. Graf Forgach, der die Psyche der Serbensehr genau kennt, wird also ganz gewiß seinemEhef nicht abgeraten haben, das bekannte Ultimatumin Belgrad einzureichen, das einen so schnellen,schönen und vollen Erfolg erzielte.
I.'appotit viont on mumgeant! Man hat durchdas serbische Intermezzo am Ballhausplatz es er-fahren, n m wie viel schneller mau zum Zielgelangt, wenn man einmal die rauhe Seite her-auskehrt und sich, um mit Goethe zu reden, rechtwiderborstig zeigt. Das munterte mit der so glück-lich begonnenen Methode nun aus, tveiter fortzmfahren. Die Gelegenheit hiezu bot sich, wie dieDinge im nahen Orient liegen, nur allzu schnell.Die gleichen begründeren Beschwerden wegen derNichtrespekticrung der n o r d alb a nis ch e n Gre n-zen, die Oesterreich gegen Serbien erhob, konntenItalien und Oesterreich, die beiden Protektoren desneuen Staates, anstellen, wenn sie sich die merkwür-dige Praxis betrachteten, die Griechenland befolgte,nm die internationale Grenzkommission, die Al-baniens Südgrcnze bestimmen soll, über die Na-tionalität der Bevölkerung in den in Frage stehen-den Landstrichen zu täusch eil. Diese Praxis be-ruhte nämlich darauf, alle Kutzowallachen und Al-baner aus den betreffenden Gebieten mit rauherGewalt fortzutreiben, so daß nur Griechen in ihnenvorzufinden sind. Hütte man dieses unwürdigeSpiel noch länger durchgehen lassen, so würde Al-banien in einer höchst ungerechten Weise verkürztund geprellt worden sein. Die Sache aber auf dielange Bank schieben wollen, und sie, wie einigeTripleententepolitiker aus sehr durchsichtigen Grün-den es anregten, abermals vor die Konferenz derBotschafter in London zu bringen, das war gänz-lich unwö hch. denn dann hätten Oesterreich ivieItalien im nahen Orient ihr Prestige völlig einge-büßt, und die Asfäre würde kaum auch nur an-nähernd nach ihrem Willen ausgegangen sein. . '
So entschloß man sich denn in Rom und Wien abermals zu einem Akt der Energie. Manzeigte den anderen Mächten an, daß man in Athen eine gemeinsame Demarche vornehmen tverde, undzögerte auch nicht, diesen Entschluß sofort in dieTät umzusetzen. Und es steht wohl zu erwarten,daß dieser Schritt den gleichen heilsamen Erfolgauszuweisen haben wird, wie der gegen Serbien unternommene.
In Kompischt, in Schönbrunn und auf demJagdschloß in der Göhrde, wo ja auch der deutsche Reichskanzler weilte, ist jedenfalls die griechisch-albanische Grcuzfrage eines der Themen gewesen,die Stoss zum Gespräch boten, und es hat' sich indieser Beurteilung zweifellos die völlige Ueberein-stimmung der Anschauungen der deutschen leitendenKreise mit denen der italienischen und österreichi-schen ergeben. Deutschland hat sich aus be-greiflichen Gründen offiziell der Demarche in Athen nicht angeschlossen: aber es findet seine Aufgabedarin, der griechischen Regierung als einem ihrernächsten Freunde den Rat zu erteilen, die gerech-ten Forderungen Oesterreichs und Italiens zn er-füllen. Die Dreibundmächte sind also in bezug aufdie südalbanischc Grenze absolut cl'ueeorä.
Es ist aber auch kaum anzunehmen, daß dieTriplecntente als solche in Athen zum Widerstandanspornen wird. Rußland ist vrinzipiell gegen eineweitere Expansion Griechenlands eingenommen, eshat sich, schweren Herzens nur, aus Rücksicht aufFrankreich , in die Ueberlassung Kawnllas^ an dieHellenen gefügt, die ihm schon viel zu sehr amBalkan sich ausbreiten: es wirddaher durchausnicht gesonnen sein, für sie die Kastanien aus demheißen albanischen Feuer zu holen, sondern mit ge-lassener Ruhe dem Ausgang der Affäre zuschauen.In England wird man „bestenfalls" etwas Lärmschlagen nnd sich in hochtönenden Phrasen zugun-sten der Griechen auslasten, solche aber machen dasKraut für die Nachfahren des Achilleus Nicht fett:sie haben daher den Faktor England aus ihremKalkül auszuschalten.
Bleibt noch Griechenlands eigentlicher Mana-ger, nämlich Frankreich . An per Seine tobtfreilich bereits eine gewisse Presse und rasselt mitdem Säbel, — aber die französische Regierung,so gerne sie vielleicht auch eine neue Verwicklung
sich in den letzten Zähren erhoben hat, kennen und ver-stehen. Es sind prachtvoll gestaltete Ausschnitte, die diesehochbegabte Dichterin hier bietet. So poetisch stark warsie in der „Sonne des Südens" und im Roman „Bene-dettctz' (beide bei Bachern, Kölns noch nicht. Leider kannich von den vier Seiten, die ich mir als Inhaltsangabeund treffende Proben bei der überaus fesselnden Lektürenotiert habe, jetzt nichts mehr verwerten: sonst würde meinLneraturbrief zn lang. Die Ausstattung ist im Vergleichzu den: prachtvollen Inhalt nicht ganz gediegen und schönivie die der zwei Bachcmschen Godin-Bändc. Wer —es wird Dir da gehen wie mir — wenn ein Buch wirklichGeist nnd Gehalt, Leben nnd Seele besitzt, dann merkt maneinzelne äußerliche Mangel weniger oder gar nicht. Nichtdie Lettern nnd das Papier machen ein bedeutendes Buch,sondern die großeil Persönlichkeiten und die echt mensch-lichen Schicksale, die voll der Künstlerin meisterlich darge-stellt nnd bewältigt sind. Und solch ein hervorragendesWert sind diese neuen albanischen Novellen. Es warmir lieber Freund, eine wirlliciie Freude, heute Dir eineso wahrhaft schöngeistige Literatur empfehlen zu können.Mit herzlichem Gruß! Dein literaturfroher
_ H. v. Hohcnbcrg.
Altbaherns Umritte und Leonhardifahrteu.
Ein gutes Zeichen unserer sonst recht VerschiiiipfiertcnZeit ist es, daß man sich allgemein auf die gute alte Zeltwieder besinnt und sammelt, was man. geblendet vonden zn mächtigen Strahlen des Glorienscheines der mo-dernen Kultur Übersoll oder wegwarf.
Viel haben wir Modernen erreicht, aber gar vieles,vieles werden Wir nie und nimmer erreichen, dasweiß derjenige am allerbesten, der von den Naturgewaltenam meisten abhängig ist; das ist unser Bauer. AlleJahre erfährt crs dutzendmale, daß doch noch ein An-derer regiert als der gelehrteste Wetterprophet, von demLilie kommt. Der Landmaim weiß andere Propheten.Das sind leine lieben Heiligen, denen glaubt er undfeiere ihre F sie, wo noch unverfälschtes Bolkstum herrschtnach alter Vater Sitte. Das ist insbesondere beim treuenAltbayernvolkc der Fall. Früher war das Festgeprängsan solchen Tagen überall. Das erzählt uns der Ver-fasser in seinem schönen Buche*), mit dem er einen ganz
*) Von Georg Schieryhofer, Buchschmuck vonÄlemens Thomas. 8". München 1913. Bayerland-Leriag G. m. b. H. (XI u. 1?3 xaZ. Preis geheftet:W. 2.50 ; geb. 3.50.)
heraufbeschwören möchte, wird sich, bei der Lageder Dinge, sehr wohl hüten, diesen Wunsch zuverwirklichen: denn eine empfindliche diplomatischeNiederlage würde dann voraussichtlich kaum für sie zuvermeiden sein. So wird mau denn von Paris auS schwerlich den Hellenen allzu sehr den Rückensteifen wollen, und in Athen wird mau daher gutdaran tun, sich mit mehr oder weniger Würdemöglichst bald in das doch nun einmal Unver-meidliche zu fügen.
Am Ballhausplatze ist man — spät, aber doch— zu der Einsicht gelaugt, daß auch Energie eingutes diplomatisches Mittel zu Zeiten ist. Mögemau dieser Einsicht auch fernerhin trauen und siezunächst in der zilizi scheu Angelegenheitabermals praktisch betütigen, man rann dann baldschon erfahren, wie gute und heilsame Folgen dieseBetätigung auch in dem Fall nach sich ziehen wird!
Oesterreich-Ungarn und Rußland .
In den letzten Tagen ist ein langwieriger Mei-nungsaustausch zwischen den Kabinetten von Ber-lin, London und St. Petersburg zu Ende geführtworden. Sein Ergebnis führte zur Einigung überdas Prinzip, daß der jetzige Besitzstand derTürkei aufrechtzuerhalten sei und daßdaher in Kleinasien eine umfassende Reformation be-hufs Sicherung und Festigung der ottomanischenHerrschaft durchgeführt werden soll. Auch wird demarmenischen Reformprogramm der Tripelentente,eine Wiederauferstehung beschieden, und zwar ineiner Form, welche die Gutheißung sämtlicher Kabi-nette finden dürste. Die Gegensätze in der Frage derBagdadbahn gelten als gänzlich oder doch bis ausgewisse Details überwunden.
Es ist sohin eine Aussicht auf die Schlichtungoder zumindest Vertagung von Streitfragen eröff-net, von denen man vor kurzem noch annahm, daßsie hier für die Ruhe Europas noch bedenklicherwerden könnten als die Umwälzung im nahen Osten.Bezüglich Kleinasiens ist ein russis ch-d e u t-s cl: e s Einvernehmen erzielt worden. Bezüg-lich der cmclloliscken Bahnen gelangte man zu einemrussisch -französischen Akkord. Die Klärung dieserkleinasiatischen Fragen konnte auf die Beziehungenzwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland nichtohne Rückwirkung bleiben. Wenn auch die Donau-monarchie nicht zu jenen Mächten zählt, deren In-teressen durch eine künftige Entwicklung in Klein-asien unmittelbar berührt sind, so kann doch heuteschon gesagt werden, daß Oesterreich-Ungarn sich,falls früher oder später das kleinasiatische Problemdoch aktuell werden würde, keineswegs mit derRolle des gänzlich unbeteiligten Zuschauers begnü-gen wird. Immerhin birgt die gegenwärtige Auf-rechterhaltung des internationalen Kräftegleichge-wichtes bezüglich Kleinasiens die Garantie in sich,daß. auch späterhin das kleinasiatische Problem zwi-schen Oesterreich-Ungarn und Rußland keinenge -fährlichenZankapfel geben wird.
Bezüglich zweier anderer Momente aber wareine Gleichheit der Auffassung in den beiden benach-barten Kaiserreichen bisher nicht zu erzielen. Es istdies die Frage der r u t h e n i s ch e n Irredentaund das Problem der zukünftigen Balkan -politik. Es ist charakteristisch, daß in beidenPunkten panslawistische Kreise ihre Hände im Spielehaben und daß es ihnen gelungen ist, einen auf diesenbeiden Reibungsflächen sich etwa ergebenden Kon-flikt zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland stetsfür ihre Zwecke auszunützen. Allrussische Bewe-gungen unter den Ruthenen datieren schon seit unge-fähr zehn Jahren her. Diese Bewegungen habenihren Hauptsitz merkwürdigerweise nicht in Ostgali-zien als vielmehr in den ruthenischen KomitatenUngarns . Sie finden hier sogar einen fruchtbarenBoden, da die ruthenische Nationalität in Ungarn unter den M a g y a r i s i e r u n g s b e st r e b u n-gen sehr schwer zu leiden hat und es denallrussischen Agitatoren daher nicht schwer fällt, demurteilslosen Landvolke die Einverleibung in das all-russische große Reich als eine Art Erlösung hinzu-stellen.
Die allrussischen Agitatoren organisieren in zahl-reichen Ortschaften Wallfahrten nach russi-schen Gnadenorten, bei welchen die Teilneh-mer auf den russischen Bahnen billige Fahrkarten, inKlöstern unentgeltlich Verpflegung erhielten. DerZweck der Reise wird von den russischen Konsuln inGalizien bestätigt und auf Grund dieser Bestäti-gungen gewähren die russischen Behörden den Rei-senden alle nur möglichen Erleichterungen. Es istbezeichnend, daß diese Agitatoren den Krieg der Bal-kanstaaten gegen die Türkei als einen Angriff Ruß-lands gegen die Türkei hingestellt haben und dieNachricht verbreiteten, daß sich Rußland nach Been-digung dieses Krieges im Interesse der Befreiungder Ruthenen gegen Oestereich-Ungarn kehren werde.
Es ist natürlich, daß unter solchen Umstünden dieVersuche, zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland eine A nnäher u n g herbeizuführen, nicht allzu
bedeutenden Beitrag zur bayerischen und deutschen Volks-kunde geliefert hat.
Die Geschichte der Umritte beginnt zuerst mit solchenbor Ostern. Man kannte sie bis vor kurzem noch in derBraunauer Gegend am hl. Dreikönigstag; auch an denFesten Sk. Antonins des Großen wie am St. Blaiins-tage waren Umritte im Gebrauch. Dann kommen dieOsterritte, die noch an manchem Orte, ja selbst improtestantischen Sachsen, gebräuchlich sind, hier aber ohnekirchliches Gepränge; dock wird in Erinnerung an ihrekirchliche Entstehung noch die Kirche umritten. Der pom-pöseste Osterritt wird alljährlich am Ostermontag imStädtlcin Trau»stein abgehalten, wo der »St- Geor-giusvercin" sür sein« Abhaltung Sorge trägt. Die Feierist ausführlichst beschrieben und durch Bilder erläutert.Auch die »Georgiritte" kennt mnn ,nock an manchenOrten; einen derartigen halt man .alljährlich zu St-Ge-orgen an der Traun in hvchseierlicher Weiss ab. Auch»Mairitte" sind noch vielfach üblich z. B. in Ruh pol-dina, in Siegsdorf usw. Außerdem kennt man einSt. Urbausreiten, dann Kreuzritte rc. Die Psingstrittekennt man ebenfalls noch in verschiedenen Gegenden.Der zu Kötzting ist der bedeutendste; er ist seit vielenJahren ein weitberühmtes Fest sür die ganze Gegend,zu dem sich Tausende einsinken.
Weitere Mairitte gabs ehedem am St- Ulrichstage.des Mäusefraßes wegen; dann auch am St. Annatag zuAnnabrunn, an St. Bartholomä rc.
Die meisten der Umritte werden jedoch amSt. Leo n-harditage, den 6. November, gefeiert. Ueber hundertnnd davon in Bayern bekannt. Sie worden gefeiert inHermating bei Wolfratshausen , in Fischhäuten amSchliersee. in Benediktbeuren , in St. Leonhard im Forst(bei Weilheim ) usw. uiw. Nur bei der größten mittel-alterlichen St. Leonhardskircke zu Jnchenhofcn beiAicktach. gemeinhin »St. Leart" geheißen, seien die Um-ritte »ausWunsch der Geistlichkeit" abgeschafft worden (I?)Am großartigsten wird der Tag des ÄauernhciligenSt. Leonhard auf dem Höhenberg beiTölz gefeiert. Hiersteht aus stolzer Höhe ein Küchlein, wo vordem in denheidnischen Zeiten, wie der Bolksmund spricht, einsOpferstätte, ant der nun nach dem Einzüge des Christen-tums ein Kapellcbe» zu Ehren der schmerzhaften MutterGottes erstand. An den besonderen Kult des hl. Leon-hard erinnert neben dielen Votivbildern auch eine mäch-tige Eisen kette, die das ganze Kirchlein umspannt..Bei einer Leonbardisabrt, beißt eS. sei einmal r,n vier-spänniges Geiäort durchgegangen da gelobte der Eigen-
rasch vorwärts kommen und daß Rußland hier zu-erst die panslawistischen Agitationen etwas eindäm-men müßte, wie ja beispielsweise die zügelnde Ein-flußnahme des römischen Kabinetts auf die italieni-sche Irredenta das gute Einvernehmen zwischenOesterreich-Ungarn und Italien wesentlich gekräf-tigt hat.
In der Frage der zukünftigen Balkanpolitik istzwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland eineEntspannung eingetreten, wie man sie noch voreinem Jahre nicht sür möglich gehalten hätte. Nachden kritischen Spannungen, wie sie insbesondersdurch das intransigente Verhalten Serbiens undMontenegros zwischen Oesterreich-Ungarn und Ruß-land hervorgerufen wurden, ist zwischen den beidenGroßmächten nicht die geringste Verbitterung zurück-geblieben, und heute mehr denn je die Möglichkeiteines besseren Verhältnisses der beiden Mächte vor-handen. Man hat sich seit jeher als eine unvermeid-liche Konsequenz des Zusammenbruches der Türkei vorgestellt, daß es zu einem bewaffneten Zusammen-stoß zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland kom-men müsse. Jetzt nun na chder Beendigung der Bal-kankrise ist nicht nur keine Trübung der gegenseiti-gen Beziehungen, sondern eher eine Aufhellungderselben zu konstatieren. Die Pcmslawisten inRußland haben an ihrem politischen Prestige sehrviel eingebüßt nnd die Stimmung der St. Peters-burger Slawophilen hat sich aus rein psychischenGründen im Sinne einer Abkühlung derrus-fischen Sympathie sür die Balkanvölker ge-ändert. Man scheint sich in Rußland der Empfindungnicht los zu werden, daß die Russen den Balkanoöl-kern in weit größerem Maße nützliche, als ver-wandte, dem Herzen nahestehende Leute sind. DieseGleichgültigkeit Rußlands gegenüber den Balkan -völkern, die seit dem Ende der 70er Jahre des ver-gangenen Jahrhunderts bestanden hatte, schien inden letzten Jahren durch die slawophilen Gefühls-ausbrüche der Petersburger Presse und der pansla-wistischen Kreise der Petersburger Intelligenz,welche eine aktive nicht nur gegen die Türkei , son-dern auch gegen Oesterreich-Ungarn gerichtete AktionRußlands verlangten, übertüncht und überschrieenzu werden. Als aber der Krieg zwischen den Balkan -bündlern selbst ausbrach, da erfolgte jenes den rea-len Tatsachen entsprechende Abrücken vom Pansla-wismus und seinen politischen Schützlingen, womitzugleich eine Vorbedingung für eine österreichisch -russische Annäherung gegeben war. Man brauchtdeshalb noch nicht soweit zu gehen, um anzunehmen,daß in Berfolgung der durch die Potsdamer Ent-revue vorgezeichneten Politik schon ein Bündniszwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn vor derTür stünde, aber schon der Umstand, daß sich dieStimmen für eine österreichisch-russische Annäherungvermehren und verstärken, ist ein Beweis fürdie versöhnliche Haltung Oesterreich -Ungarns.
Die Fäulnis
in der österreichischen Zozialdemokratie.
Ueber die österreichische Sozialdemokratie brichtdie Abenddämmerung herein. Gegenwärtighält sie in Wien ihren Parteitag ab, der zunächstein statistisches Material nns Tageslicht brachte,welches für die Partei geradezu niederschmet-ternd wirkt. Das Rückgrat der Partei, das sich. immer mächtiger entwickelt hatte, bilden die sogen.s-e7.fr e i en" Gewerkschaften. Die Mitglicderzunahmedieser Gewerkschaften ist in den deutschen nnd polni-schen Provinzen völlig zum Stillstand gekom-men; hier beträgt der Mitgliederstand zusammenetwa 330000. In den tschechischen Provinzen stehendie „zentral!stischen" Gewerkschaftsorganisationenauf dem Aussterbeetat, ivahrend die „Separatisten"um 20 000 Mitglieder mehr ausweisen und heute be-reits auf 108 000 Mitglieder angewachsen sind. Diepolitischen Organisationen der Sozialdemokratenweisen einen Mitgliederrückgang von über00 000 Mann auf. >
Zu diesem Rückgang der Organisatio-nen gesellt sich noch die offiziell eingestandene Hin-fälligkeit der politischen Taktik der Svzialdemokra-tie. 83 Sozialdemokraten sitzen im österreichischenParlament: die Wiener Arbeiterbezirke sind imNeichsrat ausnahmslos durch Sozialdenvikraten ver-treten. Die roten „Genossen" sehen aber zn ihrergroßen Verwunderung, das; die sozialpolitische Ar-beit im jetzigen Hause im Vergleich zum früherenHanse, in tvelchem die Christlichsozialen die stärkstePartei bildeten, nicht im geringsten vorwärtskommt, während der von den Sozialdemokratenals „Moloch" verschrieene „Militarismus " immergrößere Op er konsumiert.
Die sozialdemokratische Wählerschaft wird kopf-scheu. In den Volksversammlungen wetterten ihreFührer gegen die Regierungen und deren Vorlagen,gegen das Protzentum der Bourgeois und Kapita-listen. Im Abgevrdnetenhause kann man.mit vollemRechte von einer „k. k. Sozialdemokratie" sprechen.
tümer, der mir den Seinen den Tod bor Augen sah, demHeiligen, io er aus dieser Gefahr errettet würde, eineKette schmieden zu lasten. Als Alle mit dem Leben davon-kamen. hielt der Bauer selbstverständlich auch Wort-Heutzutage gehört diese Leonhardifahrt mit zu den be-suchtesten ländlichen Festen des ganzen Vayerlandes. Esist aber nicht etwa bloß ein hebendes Schauspiel, sondernauch eine echt religiöse F.ier, bei d?r es jedem Teil-nehmer ernst um die Sacke ist. Und gerade das ist es,was dem Feste eine so urwüchsige und ticsün-üge Natür-lichkeit verleiht. Das Fest ist ausführlich beschrieben.
Daran schließen sich noch die »Martini-und Stesaus-ritte" an, woraus ein Verzeichnis von den Orten folgt,in denen derartige Umritte und Leonhardifahrteu ge-bräuchlich waren oder noch sind. Das schöne Bück, daseine wirklich echt künstlerische Ausstattung und reichenBilderschmuck besitzt, ist nicht allein ein kulturgeschicht-liches Denkmal, sondern auch ein Zeuge für das liefereligiöse Leben unseres Volkes, wie es war und wie eswieder mächtig zu erwachen beginnt, im Zeitalter derTechnik und Maschine. V.
Rettet das Buch!
Von Heinrich Mohr.
Wie ist es tot und öde geworden in den Stuben zurWinterszeit! Ter buntgefiederte Vogel mit dem seelen-vollen Gesänge singt nicht mehr, er ist verstummt — ge-storben oder davongeflogen, ivcit fort in ein gastlicheresLand. Einst sang er in jeder Bürgerstube und Bauern-stube; in unserer Jugend hörten wir alternde Menschenihn am Winterabend, tvsnn weit nnd breit alles unter derSchneedecke verschlafen lag, Weg und Steg, Feld und Wald,U-cnn die roeitzen Bienlcin lautlos vor den Scheibenschwärmten und der kalte Sausewind pfeifend den Kaminherab gefahren kam. Wir saßen in der ;»armen Stube nndbeugten uns über ein Brich: da hörten wir ihn und lausch-ten traumverloren seinen süßen Tönen. Und im Herzendrinnen schien die Sonne, Veilchen nnd Schlüsselblumendufteten, und der laue Wind wehte die weißen Blüten-blöttchen des .Mrschbaumes zum offenstehenden Fensterherein — es roar ei» Frühiingsfest mitten im kaltenWinter.
Ja, das war damals, als die Menschen noch Zeit undRuhe hatten, um Bücher zu lesen. Aus den Büchern vonRiesen und Tracks», von Kriegen und Schlachten, ausden Büchern von fernen Ländern und fernen Menschen, vonfrommen Heiligen und wackern Helden, aus den Büchern
Regierungsvorlagen werden entweder direkt oder?durch Absentiernng von der Abstimmung unterstützt.In den Ministersalons fühlen sich die svzialdemokra-tischen Abgeordneten wie zu Hause. Aus der Parla-mentsfraktion ist eine sehr exklusive Gesellschaft zurCxploitierung des politischen Kredites geworden.
Die primitiv denkenden Genossen konnten esnicht begreifen, daß die Redakteure der Arbeiter-zeitung, die so kunstfertigen Schilderer des Massen-elends, in erstklassigen Automobilen aus ihre Land-sitze fahren, während der müde Proletarier fein-armseliges Heim aufsucht. Alle diejenigen, die dies-nicht verstanden — und es waren ihrer nicht we-nige —, stellten nun im Wege ihrer Organisa-tionen an den sozialdemokratischen Parteitag denAntrag, die Parlamentssraktion solle Obstruktiontreiben, um den Weg für eine sozialpolitische Ge-setzgebung frei zu machen. Da kamen sie aber beiden sozialdemokratischen Führern schön an! Diese!sollten sich in ihrer Bequemlichkeit und in ihren zar-:ten Regierungsbeziehungen stören lassen? So be--schloß denn der sozialdemokratische Parteitag, überderartige „naive" Anträge einfach znr Tagesord-nung überzugehen. Die österreichisch - Sozialdemo-kratie ist und bleibt eine k. k. Regierungspartei/Aber der Herbst 1913 ist zugleich ein Herbst derösterreichischen Sozialdemokratie.
Das Echo.
Unter der Ueberschrift: Der Pyrrhussieg des badischenGroßblocks lesen wir in Nr. 1228 der KöInis ch e n Zei»,tung:
Die Stichwahlen in Baden, deren Ergebnis wir mitge-teilt haben, zeigen dasselbe Bild, das von der Hauptwahlher noch im Gedächtnis ist: Die Sozialdemokratenhaben ihre Niederlage vollständig ge-macht. Aus eigener Kraft haben sie bei den Stichwahlennichts mehr erreicht. In einigen Wahlkreisen, in denenihnen die liberalen Parteien beigesprungen sind, haben siezwar ihre Kandidaten durchgebracht, in Freiburg -Stadt IIaber ist ihnen selbst das nicht einmal gelungen, dort ist derZentrumsmann, wenn auch nur mit einer ganz geringenMehrheit, gewählt worden. In den drei Wahlkreisen, indenen es zu keiner Einigung zwischen den drei Parteiendes Großblocks gekommen ist und wo sie die Kräfte an-einander maßen, hat sich gezeigt, ivohin die Volksstimmunggegenwärtig geht. Karlsruhe-Land, Weinheim und auchMannheim -Stadt III sind den Nationalliberalen zugefal-len. Besonders kennzeichnend ist das Ergebnis in Alaun-heim. Obgleich die Sozialdemokraten zahlenmäßig --»üAusschlag zugunsten der Freisinnigen, die sich recht rädlealgebärdeten, hätten geben müssen, ist der nationalliberale-Kandidat, der als Reaktionär verschrien wurde, doch ge-wählt worden. Mit den Ergebnissen dieser Landtagswah-len, mit ihren 20 Abgeordneten, einem Gewinn von dreineuen Vertretern, könnten die Nationalliberalen -im allgemeinen zufrieden sein: aber sie werden sich wohl.nicht darüber täuschen, daß sie diese Erfolge nichtwegen, sondern trotz des Großblocks errungenhaben, daß zu ihren Erfolgen auch dieTaktik des Zentrums beigetragen hat, dienationalliberalen Kandidaten gegen weiter linksstehendeKandidaten tatkräftig zu unterstützen. Ini übrigen hatsich die Nationalliberale Partei allerdings auch den Kräf-ten von rechts gegenüber behaupten können, wie natNent-lich die siegreichen Stichwahlen in Breiten, das bisher einBündter vertrat, und in Emmendingen , das dem Zentrumgehörte, beweisen. Die Strömung, die im Jahre 1909 denSozialdemokraten so viele Erfolge gebracht hatte, hat eben.diesmal bei den Nationalliberalen als einer bewußt libera-len Mittelpartei halt gemacht und sie emporgetragen. Fürdie Nationalliberale Partei Badens gilt es jetzt, die Folge-rungen aus dieser Erkenntnis zu ziehen und ernstlich zuprüfen, ob man mit der b i s h e r i g e n Bündnispo10tik auf dem richtigen Wege ist und vor allem in der Zu-kunft noch sein wird. Solange das neue Wahlrecht fürBaden gilt. bestand dort die Angst, daß das Land, das inder Geschichte des 19. Jahrhunderts sich als die festesteStütze des Liberalismus bewährt hat, das sich seinen Libe-ralismus auch dann noch erhallen hatte, als sonst überallin den süddeutschen Landen und auch in Preußen dasZentrum in den Einzellandtagsn seine Fahne aufsteckte»eine klerikal-reaktionäre Landtagsmehrheit bekommenwürde. In dem hohen Streben, diese verderbliche Entwick-lung auszuhalten, fand man sich denn in Baden bereit, mitder Sozialdemokratie bei den Stichwahlen zusammenzu-gehen, da man als einzelne Partei dem Ansturm der ver-einigten Reaktion nicht widerstehen zu können glaubte.Wenn man damit einerseits bestrebt war, die liberale Bo>.<Herrschaft im Lande zu wahren, so lud man doch anderseitsmit dieser Verbindung eine schwere Verani«wortung auf sich und die Partei. Wir hab ndiese Politik der Verbrüderung mit der Sozialdemokraiisvon Ansang an verurteilt. Wir haben sie damals ni '>tverhindern können, sie aber auch weiterhin mit unsernWarnungen begleitet, und sind besonders auf der Hut ge-wesen, daß diese Politik, für die nur in Baden in denParteioerhältnissen Entschuldigungen zu finden sind, imübrigen Reiche bei der Nationalliberalen Partei keineSchule mache. Wenn die Westfälischen Politischen Nach-richten. die nationalliberaie Korrespondenz für Westfalen, -in ihrer Nummer vom 21. Oktober die Befürchtung aus-spricht, die Kölnische Zeitung sei für die badische Eroßblock-politik eingefangen, so läßt sie merkwürdigerweise ganzaußer acht, daß wir dieser badischen Politik, wie schon ge-sagt, von Anfang an uns entgegengesetzt haben und weiter-hin entgegensetzen werden. Am 21. Oktober 1905 war es,bevor noch in Baden eine Stichwahlparole gegeben wordenwar, als wir z. B. folgendes schrieben: Wir stehen keinenAugenblick an, zu erklären, daß wir vom Standpunkt desallgemeinen Staatswohls aus wie mit Rücksicht auf dasnationalliberale Parteiinteresse, das zwar mit dem. des,
von all den Wundern der Gottesschöpfimg und der Men-scheuwerkc — aus den Blättern dieser guten und ernstenBüchern quoll das Lied des schönen Vogels hervor, dasGeist u. Hers beglückte, das Gemüt beioegte und erhob, denrauhen Winterabend znm Feste machte.
„Ich weiß, nichts schöneres als ein schönes Buch",,hat Maxime du Camp gesagt. Aber die Menschen unsererTage haben vielfach das Lesen verlernt; zuerst verlerntensie die Kunst des behaglichen Erzählens im traulichenKreise,^ dann die Kunst des behaglichen Lesens im Buche.Tos ist kein Wunder. Die Hast und Unruhe und Zerris-senheit des heutigen Lebens hat die Geselligkeit der Fa-milie und Nachbarschaft zerstört, den Mund für das Er-zählen stumm gemacht. Und die vielen Zeitungen nnd dieöffentlichen Lesehallen in allen Städten, ja, die haben esmir auf dem Gewissen, daß der Sinn sür das Buch ersticktist. Der Malm in einem der thüringischen Herzogtümer,'der elfhundert Bände Bücher sein eigen nennt, ist eine Sel-tenheit wie eine ausstcrbende edle Pflanze.
Rettet das Buch, sacht die Freude am rechten Leseran, mit kräftigem Hauche, ehe sie vollends erlischt! Schasstschöne, gute, tiefe Bücher ins Haus, ins eigene und insfremde, und lehrt es die Menschen, sich wieder in die Bü-.cher zu versenken! TaS ist edelste Kulturarbeit am. deut-schen Volke. Es gilt, es vor innerer Verarmung und Vcr--flachung zu betvahren, es gilt, es mit den Reichtümernwahren Wissens, wahrer Bildung, wahrer Freude zu seg-nen. Tie Welt wird wieder schöner, wenn jung und altam füllen Abend aus den Blättern des Buches den Ge-sang des Wandervogels ersÜMllen hört.
Künstlerischer Wandschmuck.
Aus dem Münchener Kunstverlag von Joseph Mül-ler liegen uns zwei große, farbige Reproduktionen vor,die Beachtung verdienen. Das eine Blatt zeigt die römö-,scho Engelsburg mit der Tiberbrücke nnd der im Hin--,tergrunde aufragenden St. Peterskirche nach einem Herr-- .lichen Gemälde des durch geistvolle Behandlung römischerMotive ausgezeichneten Malers C. Wuttke . Wie ineiner Vision schaut man hier im Abendsonnengold die.gewaltigen Bauwerke Roms in majestätischer Wirkung, er- .kannt und zusammengezogen von Änem Künstlerange,das Begriff und Wesen einer „historischen Landschaft" voll -zu ersassen vermöchte. Muß solch künstlerische Gabe all-seits erfreuen, so werden jene, die am Tiberuser selbst«ch mächtige Eindrücke und Erinnerungen geholt, diese!Bild besonders zu würdigen wissen und in Hm zunächst