Vorabendblatt
Boravendblan
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ÄUgsVNrger Postzeitung. 6. November 1913.
Bei Zusammentritt des Landtags hat das Lciyerllsche Zentrum neuerdings verlangt, da? insbeson-dere Lieferungen für die Marine in h'yer-m Maßeals bisher an die bayerischen Getvec. .-treibendenübertragen werden sollen. Inzwischen ist Admirali-tätsrat Kalus von der Tanziger Werft VieserhalLmit der Handelskammer München in nähere Ber-bindung getreten. Es ist zu hoffen,, daß nunmehr einregerer Geschäftsverkehr zugunsten der baycrisclstnIndustrie und des Gewerbes sich entwickeln wird,und von den vielen Millionen, die nach Nordengehen, wieder eine größere Anzahl zurückfließt unddie bayerische Volkswirtschaft befruchtet.
Es sollte aber auch noch mehr darauf hinge-arbeitet werden, daß die Lieferungen für dasbayerische Heer in der Hauptsache im eigenenLande vergeben werden. In der Sitzung des Reichs-tages vorn 23. März 1909 verwies Abg. SchirMerauf ddn Rückgang der Arbeiterzahl in denbayerischen Militärbetrieben und auf dieZunahme der Arbeiter in den Betrieben der preußi-schen Heeresverwaltung und verlangte einen Aus-gleich. In der Gewehrfabrik Amberg wurden damalshundert, zum Teil lange Jahre dort tätige Arbeiterausgestellt, in den Spandauer technischen Instituten700 Arbeiter neu eingestellt. Ein Jahr zuvor bereitswaren die Betriebe der preußischen Heeresverwal-tung um 1503 Personen verstärkt worden, wäh-rend die Zahl der in den bayerischen Heeresbetriebenbeschäftigten Arbeiter um 606 sich verringerten.
Die Verschiebung des Geschäftsbetriebes zugun-sten Preußens geschah also auf Kosten der Arbeiterin Bayern . Schirmer verlangte deshalb, daß sowohldie staatlichen wie die privaten Betriebe in Bayern mehr berücksichtigt würden, so daß wenigstens diefür das bayerische Heer aufzubringenden Summenim Lande blieben. Damals hat der Vertreter Bayerns ,der Militärbevollmächtigte Herr von Gebsattel, zu-gegeben, daß in den Jahren 1906 und 1907 derBedarf der militärtechnischen Institute an Materia-lien, Waffen, Gesützen usw. zu einem Drittelaus Preußen bezogen worden ist. Als seiner-zeit die Firma Sieger und Moradelli in München Ausrüstungsgegenstände für die Artillerie, Läster-ten u. dergl., fertigte, hat die bayerische Heeresver-waltung die Firma einfach sitzen lassen. Daß diesewie die bayerische Industrie Werhaupt von derpreußischen Heeresverwaltung mit Aufträgen be-dacht worden wäre, davon ist nichts bekannt ge-worden. Aus Jndustriellenkreisen hörten wir kürz-lich die Klage, daß die süddeutsche Papierindustrie,mit Ausnahme einer kleinen Lieferung, die derWürttembergischen Papierfabrik in Mochenwangen seinerzeit übertragen worden sei, weder zu den Lie-ferungen für die Reichsdruckerei noch für solche dcrReichspostverwaltung herangezogen werde. Und dochmuß speziell Bayern Millionen jährlich an Aus-gleichsbeiträgen an das Reich abliefern. Nach dembayerischen Budgetentwurf für das Jahr 1914 und1915 sind von den 15 Millionen Mark Ueberschußnicht weniger als 14 Millionen an das Reich ab-zuliefern.
, Also nochmals: Bessere Berücksichtigungder bayerischen Industrie und des Ge-werbes bei Beschaffung des Kriegsmate-rials und bessere Berücksichtigung auchder vorhandenen eigeneu Staatswerkstä t-ten. Die Statistik über die Entwickelung der mili-tärischen Betriebe Bayerns zeigt, daß diese gegeii-über den preußischen Betrieben immer mehr insHintertreffen kommen. Nach den neuesten 1913dem Reichstag vorgelegten Uebersicht über' die Ar -beitsverhältnisse in den Betrieben der Marine- undder Heeresverwaltungen ergaben sich folgende Zah-len: Bei der Reichsmarineoetwaltung waren EndeOktober 1908 auf den Werften, in der Torpedo -Werkstatt, bei den Bekleidungsämtern und Depotsbeschäftigt 23 908 Personen, davon 229 weiblich,Ende Oktober 1911 26 045, davon 247 weiblich.In den drei Berichtsjahren hat sich somit die Zahlder Arbeiter um 2137 vermehrt. Ueber die Zahlder Arbeiter bei den verschiedenen Kontingenten er-,gibt die Uebersicht folgendes:
Kgl. preußische Heeresverwaltung: Proviant-ämter, Konservenfabriken, BekleidungsäMtet, Garni-sonsverwaltungen 1908 9470 Köpfe, 1911 9514,sind mehr 44 Personen. Bei der Feldzengmeisterei,in den Munitions- und Waffenfabriken, ArtiUerie-und Traindepots waren beschäftigt 1908 zusammen19 911 Personen; Ende Oktober 1911 waren es21044 Personen, das sind 1133 Arbeiter mehr.
Kgl. bayerische Heeresverwaltung: Bei denProviantämtern, dem Bekleidungsamt, den Garni-sonsverwaltungen waren 1908 beschäftigt 475 Ar-beiter, Ende Oktober 1911 dagegen 752 Personen,das sind 277 mehr. 221 Personen, darunter 37weibliche, entfallen auf das seit 1. April 1910 er-richtete Bekleidungsamt. Vordem hatte Bayern einderartiges Amt nicht, wie auch heute noch keineKonservenfabrik. Trotz der Zunahme der Zahl derArbeiter irr den bayerischen Betrieben steht dieselbe,im Verhältnis der Bevölkerung, uM rund 200 Ar-
beiter hinter jener in den diesbezüglichen preußischenBetrieben zurück. Die Zahl der bei der bayerischenFeldzengmeisterei beschäftigten Arbeiter, also der-jenigen in den Munitions- und Waffenfabriken, istseit 1908 zurückgegangen. 1908 waren in diesenBetrieben 3700, Ende Oktober 1911 nur mehr 3572Personell beschäftigt. In der Gewehrfabrik Ambergarbeiteten 1908 517 Mann, 1911 nur mehr 370.Anstatt Gew-Hrteile t'lst zu fertigen wtt'dm diesevielfach aus Preußen bezogen. Es dürfte zrveckmäßigsein, bei den Beratungen im bayerischen Landtagauf diese Zahlen zurückzukommen.
Das Handwerk und die Parteien
-- Einen recht deplazierten Vorstoß gegen dieZentrumspartei hat in der Freitagssitzung in derAbgeordnetenkammer der liberale AbgeordneteHübsch unternommen, indem er deren Handwerker-freundlichkeit zu verdächtigen suchte bei einem An-laß, dcr hierzu nicht die geringste Handhabe bot.Im Interesse der objektiven Wahrhüt und umallen Legendenbildungen vorzubeugen, sehen wir unsveranlaßt, auf die fragliche Angelegenheit desnäheren einzugehen.
Bekanntlich hat das Justizministerium demLandtag eine Denkschrift über die Gefan-genenarb eit vorgelegt, in der u. a. erklärt wurde,daß künftig die Gefangenen besonders beim Umbauund Neubau von Strafanstalten verwendetwerden sollen. Bei den Baupostulaten für denJustizetat, die in der erwähnten Landtagssitzungbehandelt wurden, wandte sich nun der Abg. Hübschenergisch gegen die Absicht der Regierung, wobei ermit Recht darauf hinwies, daß bei der derzeitigenschlechten wirtschaftlichen Konjunktur und der darausresultierenden. großen Arbeitslosigkeit dem freienUnternehmer, Handwerker und Arbeiter keinerleiKonkurrenz durch Gesangenenarbeit gemacht wer-den dürfe. Er fühlte aber weiter das Bedürfnis,dem Zentrum und insbesondere dem AbgeordnetenDr. Pichler vorzuwerfen, daß es im Ausschuß nichtgleich von Anfang an in der entschiedenen Weisegegen diese Absicht der Regierung aufgetreten sei,sondern daß erst aus die Ausführungen der libe-ralen Abgeordneten hin ein Umschwung beim Zen-trum eingetreten sei. Diese Darstellung des HerrnHübsch ist bereits in der gleichen Sitzung durchdie Abgeordneten Dr. Ein Häuser, Giehrl undden Referenten Speck richtiggestellt worden.
Wie war der Hergang der Sache im Finanz-ausschuß? Dort stand zunächst ein Postulat von110,000 Mark zur Erwerbung von Grundstückenfür die Gcfangencnanstatz Lichtenau znr Beratung.Bei diesem Postulat schon die prinzipielle Frageder Gefangenenarbeit anzuschneiden, bestand fürdas Zentrum keine Veranlassung, weil ja hier nichtetwa Gelder gefordert wurden, um Löhne für dieBauarbeit an Gefangene zu bezahlen, sondern nurum einen Bauplatz zu erwerben. Seine endgültigeStellungnahme zu einem eventuellen Postulat fürden Neubau selbst hat sich das Zentrum ausdrück-lich vorbehalten. Es lag dann weiter ein Postulatvon 310,000 Mark für die Errichtung einer Irren-abteilung und zweier Dienstwohngebäude beim Zucht-haus Straubing vor. Diese Arbeiten sollten nachden Intentionen der Justizverwaltung durch Ge-fangene ausgeführt werden. Dagegen hat nundas Zentrum von Anfang an entschiedenFront gemacht, die Zentrumsredner habennachdrücklichst betont, daß es sich für das Handwerk,^und den Mittelstand darum handelt, daß bei der-artigen Bauten viel Verdienst unter die Leute kom-men kann. Und während der liberale KorreferentAbg. Hübsch die Etatsposrtiott irr der gefordertenHöhe genehmigen wollte, stellte der Z entrunts-abgeordn ete Speck als Referent den An-trag, die Po sition um 50,000 Mark zuerhöhen, d amit d ie B a uausführung freie nArbeitern übertragen werd e n könne. DieserAntrag fand schließlich nicht nur die einstimmigeZustimmung des Ausschusses, sondern auch die Bil-ligung der Staatsregierung.
Was schließlich die Stellungnahme des HerrnAbg. Dr. Pichler in dieser Frage betrifft, so hatderselbe nicht, wie dcr Abg. Hübsch ausführte, ohneweiteres die Absicht der Regierung, Gefangene zuBauarbeiten zu verwenden, gutgeheißen, sondern 'erhat sich lediglich auf den Standpunkt gestellt, daßin erster Linie eine Konkurrenz des Handwerks undGewerbes durch Gefängnisarbeit Hintangehalten wer-den müsse. Wünschenswert ist lediglich die Heran-ziehung der Gefängnisinsasse» zu Kulturarbei-ten, wie sie auch jetzt schon in Bayern in immergrößerem Umfange erfolgt.
Nach dieser objektiven Sächdarsteltnng wollenwir es der Beurteilung der Oeffentlichkeit überlassen,ob den Vorwürfen des Abg. Hübsch nue ein Scheinder Berechtigung anhaftet. Diesel Angriff des HerrnHübsch entsprang lediglich seinem Agitationsbedürf-nis und sollte die liberale Mittelstandspolitik beiden Handwerkern und Gewerbetreibenden draußenin ein gutes Licht rücken.
Tie Aufnahme der Königl. Familie S. 3 stammt ausdem Atelier des Hofphotographen Bernhard Tittmar-München.
V-. ....
A)er wählt rot?
/tX Leicht ist diese Frage nicht zu beantworten,denn bei der durchweg geheimen Stimmabgabe beiden Wahlen läßt sich ein klares Bild über die Artder Wähler, die mit einem roten Stimmzettel zurUrne schreiten, schwer gewinnen. Es war darumeine recht schwierige, gerade deshalb aber um sodankenswertere Aufgabe, die sich Dr. Mais K lö ckergesetzt hatte, als er eine Untersuchung über „dieKonfession der sozialdemokratischenWählerschaft" (Bolksvereinsverlag) anstellte.Der scharfsinnigen, gründlichen und geduldigen Ar-beit des Verfassers ist aber der kühne Wurf vor-trefflich gelungen. Mit peinlicher Genauigkeit undaus Grund einer besonders konstruierten Methodehat Dr. Klöcker die Reichstagswahlen von 1907,die wegen der Eigenart der damaligen politischenKonstellation das geeignetste Material boten, seinenBetrachtungen über die Konfessionalität der sozial-demokratischen Wählerschaft zugrunde gelegt. Eskann nicht unsere Ausgabe sein, den ganzen Ge-dankcngang des Verfassers, dessen Ergebnisse unan-fechtbar sind, hier wiederzugeben; es liegt uns nurdaran, das wichtige Endergebnis der wissenschaft-lichen Untersuchung zu unserer eigenen Genugtungund als ernste Warnung festzulegen.
Auf Grund unumstößlichen statistischen Ma-terials ist jetzt der wissenschaftliche Nachweis er-bracht worden, daß mit dem Steigen der Prozent-anteile der evangelischen Konfession an der Wahl-kreisbevölkerung organisch und in ununterbrochenerLinie die Zahl der Sozialdemokraten in stimmenund Mandaten steigt, um mit den höchsten evangeli-schen Beoölkernngsprozenten ihren Höhepunkt zuerreichen, während mit dem Steigen der Prozent-anteile der katholischen Konfession an der Wahl-kreisbevölkerung das gerade Gegenteil der Fall ist.Von der Gesamtheit der sozialdcmokratischen Stim-men lieferten 1907 die 146 vorwiegend katholischbevölkerten Wahlkreise 15,17 Prozent, die 251 vor-wiegend evangelisch bevölkerten Wahlkreise 84,83Prozent; von allen 43 sozialdemokratischen Manda-ten stellten die vorwiegend katholischen Wahlkreise6, die vorwiegend evangelischen 37. Die sozial-demokratischen Stinnnensummen verteilten sich mit368 223 auf die 3 958 522 katholischen Wähler undwit 2 890 806 aus die 7 304 307 nichtkatholischenWähler.
Für den katholischen Teil der Bevölkerung istdiese wissenschaftliche Feststellung äußerst erfreulich,liefert sie doch eine treffliche Illustration zu denso oft gehörten Vorwürfen, die Katholiken seien na-tional minderwertig und eine Gefahr für das nw-derne Staatswesen. Wie die Dinge heute liegen,läßt sich für nationale Zuverlässigkeit aber wohlkaum ein besseres Kriterium ausfindig machen alsdie Stellung zur Sozialdemokratie. Und geradewenn dieser Maßstab angelegt wird, dürfen die deut-schen Katholiken mit Stolz in die erste Reihe tre-ten und, ohne begründeten Widerspruch befürchtenzu müssen, sich als stärkste Schutzwehr gegen diesozialdemokratische Sturmflut hinstellen. Wie ivahrdies ist, beweist am besten die erbitterte Feindschaftder Sozialdemokratie gegen die katholische Religionund all ihre Einrichtungen, gegen das Priestertumund die katholischen Vereine, vor allem gegen denkatholischen Volksverein, mit dem sich ini ganzenReich keine Organisation in der erfolgreichen Be-kämpfung der Sozialdemokratie messen kann.
Es ist erfreulich, daß jetzt auch eüuit»>. der sta-tistische Nachweis geführt worden ist, dM Dr denStaat auf die Katholiken der beste Verlaß ist, undes wäre jetzt nur zu römischen, daß die Regie-rungsstellen, die es angeht, aus dieser Erkenntnisauch die selbstverständlichen Folgerungen ziehen, vorallem, daß das Verlangen der Katholiken nachvoller Gleichberechtigung mit den übrigen Staats-bürgern nicht nur ein Ruf der Gerechtigkeit, sondernauch eine Forderung des Staatswohls ist; daß jed-wede Knebelung der katholischeil Kirche und jedeBeschneidung der Rechte deutscher Katholiken eineUnterbindung der besten Kräfte ist, die für denStaat wirksam sein wollen.
Die Beschaffung des Kriegsmaterials.
U. li. Die Beschaffung des Kriegsmaterials fürHeer und Marine erfolgt durch reichs- und staats-eigene 'Betriebe, sowie durch die Privatindustrie.Darüber, daß hierbei die süddeutschen Staaten nichteinmal verhältnismäßig beteiligt sind, besteht be-rechtigte Klage. Tie Augsburger Postzeitung hatin mehreren früheren Artikeln wiederholt daraushingewiesen und insbesondere die Wünsche der Ge-werbetreibenden aus Zuweisung größerer Staats-anfträge unterstützt. Seit einer Reihe von Jahrenhaben im Reichstag die bayerischen AbgeordnetenJrt, Schirmer und Sir dieselbe Forderung erhoben.
Feuilleton.
Literaturbrief-
Lieber Freund!
Cutschuldige, wenn ich gleich mit einer Klage inskaus falle. Ich habe einmal wieder, wie schon öfter ieitmetner literarischen Mitarbeit, eine arge Enttäuschungim Punkt Schöngeistige Literatur erleben müssen; das Hitnur allerdings nur meine Tir langst bekannte Erfahrungaufs neue bestätigt: bluacius vull ckocipi, aus gut deutsch: Trotz atlem und allem, der Schwindel gedeiht undlleibt obenauf, die Reklamcbücher, die seichten Geschichtenund Romane werden getauft und „ewig" weitergegeben,die wahrhaft schönen und herrlichen Sachen aber müssenlei Literaten und Kritikern ein still beschanlick-es Daseinführen oder sie kommen höchstens über kleinace Kreisehinaus, um hier geachtet und geehrt zu werden.
Ta ich um ein Beispiel für viele zu neuneu, im ver-gangenen Frühling ein kleines, aber seines Büchlein her-ausgekommen: Listo v Fo-sto von Heinrich F-e de-rer Verlag von Eugen Salzer, Heilbrvnn, 1913, 115Seiten, in Leinwand gebunden 1 Mk.l. Tu hast es Tiricdensalls auf die Besprechung Tr. Krapps in dieserBeilage Nr. 28 An oder aus die vortreffliche Analysedes Redatreurs Herz in der „Bücherwelt", Mai 1913,angeschassr und bist mit diesen Rezensenten und mir dergleichen Meinung: So was an v o I l en d e t be s e e l r e rund verlebendigter Charakteristik aus derGeschichte, hier des Papstes Sirius V., im Verein mireinem wundervollen Humor. der über diese glän-zend geschrn-ch'ne Abruzzengeschichke sich ansgrestt, habenwir bis jetzt kaum besessen. Man hat in einzelnen Re-zensionen auf E. F. Meyer und mehr noch auf Gott-fried Keller hingewiesen: Federer sei. hieß es da sehrgnädig, „ein wackerer Schweizer Trchter, der srch baldneben dem alten Züricher Seldwyla- Poeten sehen lassendürfe". Ja, ja „bald!" Und wir behaupten ruhig undfest: nein, Federer ist Federer, der die LandsmannschaftUnd Nachbarschaft KellerS gar zu fürchten braucht,Und diejenige Meyers erst recht nickn: denn Meyer hörtenie mit solcher künstlerischen Ochettiostöt die GestaltenSfttus' V. und seines Bruders Sesto, eines Banditen undKirchenmesners zugleich, säumen können. Ein nicht katho-lischer Dichter hätte diesen Stoss gar nicht so anpacken undnoch viel weniger mit solch überlegener Wahrheitsliebe,ore auw den kirchlichsten Katholiken nick» verletzt, behan-
deln können. Ta hatte ich nun geglaubt, man werde miraus meinen diesjährigen kleinen Sommeraiisslügen oder50 kilometrigcn Reisetouren überall begegnen mit der Ent-deckung : „Wer gehst der Federer mit seinem lliwc» o riesto,so toas ist ja großartig, eine einzig sclKne historische No-velle: wie er den Papst in Konsjikt mit seinem Amt alsRächer der Untaten und seiner Stellung als Brudereines Mörders und Wegelagerers, dcr bei ihm samt Sohneingekerkert wird, bringt und diese Spannung herrlichlöst usw. usw." Nichts von allcdem! Liste» o Ferste» VKenne ich nicht? Ist das ein so dickes Buch wie „Bergeund Menschen"? Lese ich nicht! Habe Besseres zu tun!Meinetwegen können Sie es mir aber leihen, tvennich es bald fertig bringen kann!" 2o, auch noch leihen!Nein, so waskauft man sich und liest es und er-quickt sich wie sonst selten und stellt es hinauf, um esbei nächster Gelegenheit wieder zur Hand zu nehmen.Leihen? Diese .Knicker und Püchmctuwrrer! Werdensie nimmer aussterbeu? Ta soll die Literatur, vollendsdie katholische, noch gedeihen'?
Ich denke da mit Schmerz an Heu tragischen Niedcr-slug des „A a r", denk die Schwingen erlahmten, weil ihmtrotz dreijähriger bewunderungswürdiger An-strengungen die Kräfte nicht gewährt wurden, dieer zum Weiter- und Höhenflug notwendig gebraucht hätte.Und im „?1ar" standen auch die ausgezeichneten „Umbri-schen Rersegeschichten" Federers und seine brillant hin-geworfenen, sprudelnden und oft sprühenden „LiterarischenRundschauen". Ich möchte verzeihen Sie es, lieberFreund — sgst sagen: wenn em Backstein wie „8isto eLcwto", das von Leben und litcrarischcr Kunst ganz er-füllt isst nicht in 10000 Exemplaren oder noch mehr„weggehen" kann, so sind wir eine solch herrliche Litera-tur gar nicht wert. Das wäre ivahrhastig traurig, üder-tranrig. Natürlich wird man nun dieses feine Böndchtcnnicht in jeder Loltsbibliothek brauchen können: nur werhistorisch speziell in der Papst- und Kirchengeschichte undauch ethnologisch einigermaßen versiert und interessiertist, wird Fisto o Feste» würdigen und dann genießen kön-nen; junge Leute und alte Weiblein werden nicht viel da-ran haben, jedoch die Schicht der befähigten Leser bleibtnoch stark genug.
Eine schwere Schollt» drückt mich, teurer Freund, aller-dings keine moralische, aber eine ernste literarische.Ta habe ich nun gerade seit einem halben Jahre ein ande-res Büchlein vor mir liegen, das in seiner Art fast ebensohervorragend ist, und ich habe Tir bis heute nochnichts davon geschrieben, ich meine „Franz von
Assisi, Legende n" von F. A. Holland (Keuchten,Kösel >913, 156 S.> brosch. 2 Mk., schön geb. 3 Mk.).Tre Fioretti, Blniirlcin des hl. Franzisius sind ja be-kannt; Pater Tr. Holzapfel hat diese „Franzis-kusiegenden", die aus der gleichzeitigen rchec nach-herigen franziskanischen Literatur stammen, hübsch zu-sammengestellt und verdeutscht in der Sammlung Kö-s e l. Holland bietet etwas ganz Neues und Hoch-originelles, neu, indem er aus der innersten Psychedes seraphischen Heiligen heraus allerhand Erlebnisse, Re-den, Verhältnisse gestaltet, wie sie mit und um F-ranzis-kus sich ergeben haben können: legendäre reizvolle Wun-der an Kranken oder Toten, Verkehr mit höchst merkwür-digen Menschen oder personifizierten Symbolen: originell,er führt uns inhaltlich ziemlich weit über die Franziskus-legcnden hinaus, modernisiert sie sozusagen, ohne aberden echten Geist Franzisci zu verfälschen. Es ist mir ganzunmöglich, noch genauer die Eigenart dieser sprachlich undpoetisch gleich hoch stehenden Legendengeschichten zu prüzi-sieren; ich kann Tir nur raten: Nimm und lies! Freilich,wie oft sagt man so! Tiefe Redensart wird viel miß-braucht; daß ich es auch täte, wirst Tu sicherlich nicht be-haupten, wenn Tu das in prachtvollen großen Letterngedruckte Buch innerlich gekostet hast. Tenn bloß „lesen"kann man solche Bücher nicht.
Wenn nicht schon ein anderer Referent die „Kloster-geschichten" unserer M. Herbert in Nr. 28 derLiterarischen Beilage eingehend und warm besprochen hätte(Regensburg, Habbel 1913, 256 S-, geb. nur 2 Mk.), sohätte ich es Mt Tir gegenüber tun müssen. Denn das istkeine literarische Tutzendware, sondern ein durckzaus poe-tischer Charakter beschwingt und beseelt diese ausdein Leben und lebendigster Phantasie heraus gestaltetenPersonen. Ihren Michelangelo und ihre einzige ViktoriaCvlonna dürfen wir wiederum in einer überaus schönenSkizze grüßen. Tauchen begegnen wir ihren lieben allenWeiblein, ihren opferbereiten Ordenssck-western — herrlichist da „Tie letzte Nachtwache der Schivester Katharinavon Siena" —- und gutmütigen Männern. ObgleichHerbert nicht so dichterisch schöpfen karrn wie Federer urrd-Holland, so weiß sie doch ihre Persönlichkeiten mit ihremeigenen dichterischen Geist so reich auszustatten, daß manbei ihr nie bloß unterhalten wird; es sind edel ausgefüllteFeststunden, die man in ihrer literarischen Gesellschaftzuzubringen Gelegenheit bekommt.
'Muß ich mick- auch entschuldigen, wenn ich Dich bisannoch nicht Paul Kellers „Stille Straßen" ge-führt habe München, Mlq. Lerlagögesellschasi 1913/13,
Aber alle Redetüttstslücke können nicht über dieTatsache hinweghelfen, daß die Zentrumspartei imLandtag schon zu einer Zeit gegen die Ausnützungder billigen Gefängnisarbeit zum Schaden des seß-haften Handwerks aufgetreten ist, als die Liberalenihr mittelstandsfreundliches Herz noch lange nichtentdeckt hatten. In mehreren Landtagssessionen hatdas Zentrum förmliche Anträge aus Beschränkungder Gcfängnisarbeitcn eingebrach!. Die erste größereDebatte über die Frage der Gefängnisarbeit fandunseres Wissens im Jahre 1884 statt, als in einerReihe von Petitionen die Handwerker und Hand-werkerkorporationen ihren Klagen über die Kon-kurrenz der Gesängnisarbeit Ausdruck gaben. DerReferent über die Materie war der damalige Zen-trumsabgeordnete Biehl, welcher sich wärmstens derWünsche und Beschwerden der Petcnten annahm.Und der Zentrnmsabg^ordnete Frhr. von Papiuswandte sich speziell dagegen, daß durch die Kon-kurrenz der Gefängnisarbeiten die Arbeitslöhne derFabrikarbeiter geschmälert werden. Dagegen nahmder liberale Abgeordnete Seiler eine sehr zweideu-tige Haltung zu den Petitionen ein, und als schließ-lich ein Regierungskommissär die in denPetitionen vorgebrachten Klagen als un-begründe 1 hinzustellen versuchte, fand erbei den Liberalen Zustimmung. Das ver-anlaßte den Zentrumsabgeordneten Baumann, ausdie Notlage des Handwerks hinzuweisen und dieRegierung um Berücksichtigung der Handwerks-wünsche zu Litten.
Möge Herr .Hübsch aus dieser kleinen Reminis-zenz ersehen, wie geringe Veranlassung die Libe-ralen haben, gegen andere Parteien in Mittelstands-fragen Vorwürfe zu erheben.
Der neue Krupp-Prozeß;.
X Berlin, 4. dkov. 13.
Gegen halb 10 Uhr vormittags eröffnete Landgerichts-direktor Tr. Karsten die Verhandlung. Der Ober-staatsanwalt teilt mit, daß Generalleutnant von Bückingnoch nicht habe geladen werden können, weil dieser vonTarmstadt nach Meran abgereist sei; seine Ladung wird,ihm frühestens morgen zugestellt werden können. Infolge-dessen wird auch Maior Anders einstweilen entlassen, da esempschlenÄvert erscheint, diesen Zeugen gemeinsck-aftlichmit Generalleutnant von Bücking zu vernehmen. BeideZeugen werden für Freitag vormittags 9 Uhr geladen.
Klügelt. Eccins stellt guf Grund selner früherenAussage fest, daß er von Pcrbandt hinsichtlich der lleber-mittelnng der Kormralzer an den ReichstagsapgeordnetenTr. Liebknecht keine Rolle gespielt hat. Um mißverständ-lichen Tentungen vorzubeugen, konstatiere er, daß er dasGegenteil des Verdachtes gegen Herrn von Perbandt aus-gesprochen habe.
Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Metzner teiltmit, daß, ihm vom Reichsmarmeantt die Mitteilung zuge-gangen sei, daß das Ermittclnngsverfahren gegen mittlereBeanite noch nicht abgeschlossen sei; keineswegs stehe aberVerrat militärischer Geheimnisse in Frage. Tie ganze An-gelegenheit könne auf disziplinarischem Wege erledigt wer-den; überdies sei die Angelegenheit bereits seit März ds.Js. Gegenstand der Untersuchung.
Der Gerichtshof beschließt sodann — da die gesternbegonnene Besprechung der Kornwalzerangelegenheit nochnicht beendet Iverden konnte — die Oeffentlichkeit der Ver-handlung auszuschließen.
In ferner heutigen Aussage im Brandtprozcß wiesder Zeuge von Mctzen daraus hin, daß Brandt wieder-holt sich in seinem, Metzens, Privatkonto! aufgei-attenhabe, auch einmal sogar den Schrank, in welchem sich dieKornwalzer befanden, offen gelassen habe. Es war diesein Mangel an Vorsicht, der ihm, denr Zeugen, nicht pas-siert sei. Oberstaatsanwalt: Tann muß es eben ein Tleb-st« hl gewesen sein. Dagegen spricht aber eine Bemerkungin dem Brief an den Abgeordneten Liebknecht, daß! dieKvrnivalzer in Ellen in einem Schrank des Herrn von Te-Witz aufbeioahrt seien. Tas habe natürlich der Dieb nichtwissen können. — Zeuge von Tewitz erklärt, von Metzenwußte, daß wich wo die Kornwalzer in Essen tvaren, denner habe ihm gesagt, iiwem er aus den schränk hinwies:Tort liegen sie! — Rechtsanwalt Lüwenstein weist dar-aus hin, daß in dem Bries an Liebknecht fast dieselbenWorte stünden, ivie in dem Briese von Wetzen an Krupp.Der Vorsitzende stellt durch Verlesung fest, daß eine wört-liche Uebereinstimmung absolut nicht vorhanden ist.'Schließlich erklärt von Metzen, er müsse ein geradezu kopf-loses Rachebcdürsnis gehabt haben, wenn er die Sache,-deren Geheimhaltung ftir ihn von großem Interesse war.-der Oeffentlichkeit übergeben hätte.
Energisches Handeln.
Von Austriacus.-
Der österreichische Zeitnngsleser horcht ver-dutzt, fast erschrocken nnsi: es ist etwas geschehen, wasman, inr pessimistischen Fatalismus versunken, fastfür unmöglich im alten Oesterreich gehalten hak:Die äußere Politik der Monarchie wird inletzter Zeit so geführt, daß man einen starken Haucheiner höchst erfrischenden Energie in ihr plötzlichzu verspüren meint. Einen solchen aber hat mänlange, sehr lange Zeit hindurch nicht mehr in ihrzu entdecken vermocht. Graf Berchtold scheintdes geduldigen Zuwartens endlich einmal müde ge-worden zu sein,, und sein neuer erster Gehilfe,Graf Forgach, wird ihn ganz gewiß in der Auf-fassung bestärken, daß im nahen Orient nur diegebietende Geste noch einigermaßen Eindruck aus
6.-10. Anfl., 230 S., brosch. 2,50 Mk., geb. 3 Mk.)?Ich glaube, daß Tu sie auch jetzt noch gerne gehen kannstTenn es sind eigentlich alte Straßen Paul Kellers; wirsino sie schon mit ihm gegangen, erquickt und beglückt, daer uns doppelt „Gold und Myrrhe", ,Jn deiner Kammer"und im „Nillasschisf" als „Letztes Märchen" aus den„Fünf Maldstätten" geboten hat. Tie „Süllen Straßen"nehmen ihren Ausgang nickst aus der „Heimat" noch ausdem „Maldwinter", noch viel weniger vom „Sohn derHagar" oder aus dcr „Alten Krone"; das war im Grunddcr „Paul Keller" nicht. Aber der ist's, der „weiß pomLacken oder Meinen einsamer Leute, deren Glück undSchmerz aus den nrewigen Bronnen der Menschheit flie-ßen, die von keiner glitzernden oder schmutzigen Welle derneuesten Zeit berührt sind. Kleine simple Menschen sindes, die ich aus diesen Wegen finde, aber was um sie undwas über ihnen ist, das find große Tinge, der Himmelund die lebendige Natur: Geschichten von Kindern, Träu-mern, schnurrigen Käuzen mrd armen Beladcnen, sowie vonFlüssen und Wiesen und anderen Leuten, wie ich sie ebenantraf aus stillen Straßen." Einige Sachen sind ausge-zeichnet, zum Beispiel die fünf „Torsjungengeschichten"und die schnurrigen Käuze; anderes ist doch mehr nurhübsche poetische Schreibübung, um nicht aus dcr Gewohn-heit zu kommen: stimmungsvoll und sprachlich sauber, aberman hat Achnliches schon bei anderen Autoren ganz gleich,,nur mit anderen Worten und Wendungen gelesen; mehrereBeiträge hat er noch im „Guckkasten" zuerst veröffentlicht,so lange er ihn herausgab —, nebenbei, lieber Freund,weißt Tu schon daß dcr „Guckkasten" jetzt mit den„M e g g e n d v r f e r n" verschmolzen ist?
So kann man bedächtig und behaglich auf den ^.Stil-len Straßen" sich ergehen; wir begrüßen daraus liebeMenschen und gute Seelen, und unsere Augen ivei-ten sichzur „vertieften Mine" hin.
Zum Schluß möchte ich Tir ein Buch in die Handgeben, von dem bis setzt fast nirgends die Rede war, dasaber kulturgeschichtliche und ethnographi-sche Novellen von einer'literarischen Art bie-tet, wie sie uns selten begegnet: „Aus dem Lan-dder Knechtschaft. Albanische Novellen vonMaria Amelie Freiin von Godin (Wien, Verlag vonJoseph Roller und Comp., 1913, 467 S., brlosch. 6 Mk.).Aus diesem zugleich sehr zeitgemäßen Buch lernt manden Charakter des albanischen Volkes, den Stolz und dieHärte, die furchtbaren Rechtlosigkeiten und schmählichenBedrückungen und Schikanierungen, die es sich oft ge-sallen lassen muß, und die energische Abwehr» zu der es