Gedanken über die Herrnhuler.
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Auch unter dc» Gelehrten giebt es dergleichen Siege. Und ichmüßte mich sehr irren, wenn nicht die Siege unserer Theologen, diesie bisher über die Herrnhiircr erhalten zu haben glauben, von die-ser Act wären.
Ich bin auf den Einfall gekommen, meine Gedanken über dieseLeute aufzusetzen. Ich weiß es, sie sind entbehrlich, aber nicht ent-behrlicher, als ihr Gegenstand, wclchcr.wcnigstcns zu einem Stroh-manne dient, an dem ein junger und muthigcr GottcSgclehrtcr seineFcchtcrstrciche in Uebung zu bringen, lernen kann. Die Ordnung,der ich folgen werde, ist die liebe Ordnung der Faulen. Man schreibtwie man denkt: was man an dem gehörigen Ort ausgelassen hat, ho-let man bey Gelegenheit nach: was man aus Versehen zweymal sagt,das bittet man den Leser daS andrcmal zu übergehen.
Ich werde sehr weit auszuholen scheinen. Allein, ehe man siehSversieht, so bin ich bey der Sache.
Der Mensch ward zum Thun und nicht zum Vernünfteln er-schaffen. Aber eben deswegen, weil er nicht dazu erschaffen ward, hängter diesem mehr als jenem nach. Seine Bosheit unternimmt allezeitdaS, was er nicht soll, lind seine Verwegenheit allezeit das, was ernicht kann. Er, der Mensch, sollte sich Schranken setzen lassen?
Glückselige Zeilen, als der Tugendhafteste der Gelehrteste war!als alle Weisheit in kurzen LcbenSregcln bestand!
Sie waren zu glückselig, als daß sie lange hätten dauern können.Die Schüler der sieben Weisen glaubten ihre Lehrer gär bald zu übersehen. Wahrheiten, die jeder fassen, aber nicht jeder üben kann, warenihrer Ncubegicrde eine allzulcichtc Nahrung. Der Himmel, vorher derGegenstand ihrer Bewunderung, ward das Feld ihrer Muthmaßungen.Die Zahlen dfnctcn ihnen ein Labyrinth von Geheimnissen, die ihnenum so viel augcnehmcr waren, je weniger sie Verwandschaft mit derTugend hatten.
Der weiseste n»ter den Mensche», nach einem Ausspruche desOrakels, in dem es sich am wenigsten gleich war, bemühte sich dieLehrbcgicrdc von diesem verwegenen Fluge zurückzuholen. ThörichteSterbliche, was über euch ist, ist nicht für euch! Kehret den Blickin euch selbst! In euch sind die unerforschten Tiefen, worinncn ihreuch mit Nutzen verlieren könnt. Hier untersucht die geheimsten Win-kel. Hier lernet die Schwäche und Stärke, die verdeckten Gänge undden offenbaren AuSbrnch eurer Leidenschaften! Hier richtet das Reichauf, wo ihr Unterthan und König seyd! Hier begreifet und beherr-schet daS einzige, was ihr hegrcifen und beherrschen sollt; euch selbst.