Druckschrift 
11 (1839)
Entstehung
Seite
24
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Gedanken über die Herrnhuter.

So ermähnte Sokrates, oder vielmehr Gott durch den Sokrates.

Wie? schrie der Sophist. Lästerer unserer Götter! Verführer desVolks! Pest der Jugend! Feind des Vaterlandes! Verfolger derWeisheit! Bcneidcr unsers Ansehens! Auf was zielen deine schwärme-rische Lehren? Uns die Schüler zu entführen? Uns den Lehrftuhl zuverschließen? Uns der Verachtung und der Armuth Preiß zu geben?

Allein was vermag die Bosheit gegen einen Weisen? Kann sieihn zwingen, seine Meynung zu ändern? die Wahrheit zu verleugnen?Bcweinenswürdigcr Weise, wenn sie so stark wäre. Lächerliche Bos-heit, die ihm, wenn sie es weit bringt, nichts als das Leben nehmenkann. Daß SokrateS ein Prediger der Wahrheit sey, sollten auchseine Feinde bezeugen, und wie hätten sie eS anders bezeugen können,als daß sie ihn tödtetcn?

Nur wenige von seinen Jüngern giengen den von ihm gezeigte»Weg. Plato fieng an zu träumen, und Aristoteles zu schließen. Durcheine Menge von Jahrhunderten, wo bald dieser, bald jener die Ober-hand hatte, kam die Weltweisheit auf uns. Jener war zum göttlichen,dieser zum untrüglichen geworden. Es war Zeit, daß CartesiuS auf-stand. Die Wahrheit schien unter seinen Händen eine neue Gestaltzu bekommen; eine desto bezüglichere, je schimmernder sie war. Ercröfnetc allen den Eingang ihres Tempels, welcher vorher sorgfälligdnrch das Ansehen jener beyden Tyrannen bewacht ward. Und das istsein vorzügliches Verdienst.

Bald darauf erschienen zwey Männer, die, trotz ihrer gemein-schaftlichen Eifersucht, einerley Absicht hatten. Beyden hatte die Wclt-weishcit noch allzuviel praktisches. Ihnen war es vorbehalten, sie derMeßkunst zu unterwerfen. Eine Wissenschaft, wovon dein Alterthumekaum die ersten Buchstaben bekannt waren, leitete sie mit sichern Schrieten bis zu den verborgensten Geheimnissen der Natur. Sie schienensie auf der That ertappt zu haben.

Ihre Schüler sind eS, welche jetzo dem sterblichen GeschlechteEhre machen, und auf den Nahmen der Weltwciscn ein gar besondersRecht zu haben glauben. Sie sind unerschöpflich in Entdeckungneuer Wahrheiten. Auf dem kleinsten Raum können sie durch wenigemit Zeichen verbundene Zahlen Geheimnisse klar machen, wozu Aristo-teles unerträgliche Bände gebraucht hätte. So fülle» sie den Kopf,und das Herz bleibt leer. Den Geist führen sie bis in die entfernte-sten Himmel, unterdessen da das Gemüth durch seine Lcidensehastcnbis unter das Vieh herunter gcsczt wird-