Druckschrift 
11 (1839)
Entstehung
Seite
25
Einzelbild herunterladen
 

Gedanken über die Herrnhuter.

25

Allein mein Leser wird ungeduldig werden. Er erwartet ganz wasanders/ als die Geschichte der Weltwcishcit in einer Nuß. Ich mußihm also sagen, daß ich blos dieses deswegen vorangcschickt, damit ichdurch ein ähnliches Beyspiel zeigen könne, was die Religion für einSchicksal gehabt hat: Und dieses wird mich weit näher zu meinemZwecke bringen.

Ich behaupte also: cS gieng der Religion wie der Weltweisheit.

Man gehe in die ältesten Zeiten. Wie einfach, leicht und leben-dig war die Religion des Adams? Allein wie lange? Jeder von sei-nen Nachkommen sczte nach eignem Gutachten etwas dazu. Das We-sentliche wurde in einer Sündfluth von willkührlichen Sätzen versenkt.Alle waren der Wahrheit untreu geworden, nur einige weniger, alsdie andern; die Nachkommen Abrahams am wenigsten. Und deswegenwürdigte sie Gott einer besondern Achtung. Allein nach und nachward auch unter ihnen die Menge nichts bedeutender und selbst erwähl-ter Gebräuche so groß, daß nur wenige einen richtigen Bcgrif vonGott behielten, die übrigen aber an dem Susscrlichcn Blendwerke hän-gen blieben, und Gott für ein Wesen hielten, das nicht leben könne,wenn sie ihm nicht seine Morgen- und Abendopfcr brächten.

Wer konnte die Welt aus ihrer Dunkelheit reisten? Wer konnteder Wahrheit den Aberglauben besiegen helfen? Kein Sterblicher.

<»>ko5 «50 /I-^X^^I?.

Christus kam also. Man vergönne mir, daß ich ihn hier nur alseinen von Gott erleuchteten Lehrer ansehen darf. Waren seine Ab-sichten etwas anders, als die Religion in ihrer Lauterkeit wieder her-zustellen, und sie in diejenigen Gränzen einzuschließen, in welchensie desto Heilsamcrc und allgemeinere Wirkungen hervorbringt, je engerdie Gränzen sind? Gott ist ein Geist, den sollt ihr im Geist anbeten.Auf was drang er mehr als hierauf? und welcher Satz ist vermögen-der alle Arten der Religion zu verbinden, als dieser? Aber eben dieseVerbindung war es, welche Priester und Schriftgelchrten wider ihnerbitterte. PilatuS, er lästert unsern Gott; kreuzige ihn! Und aufge-brachten Priestern schlägt ein schlauer PilatuS nichts ab.

Ich sage es noch einmal, ich betrachte hier Christum nur als ei-nen von Gott erleuchteten Lehrer. Ich lehne aber alle schrecklicheFolgerungen von mir ab, welche die Bosheit daraus ziehen könnte.

DaS erste Jahrhundert war so glücklich Leute zu sehen, die in derstrengsten Tugend cinhergicngcn, die Gott in allen ihren Handlungenlobten, die ihm auch für das schmählichste Unglück dankten, die sich umdie Wette bestrebten, die Wahrheit mit ihrem Blute zu versiegeln.