Druckschrift 
11 (1839)
Entstehung
Seite
26
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26 Gedanken über die Hernihuler,

Allein so bald man müde wurde, sie zu »erfolgen/ so bald wur-den die Christen müde/ tugendhaft zu seyn. Sie bekamen nach undnach die Oberhand und glaubten/ daß sie nun zu nichts weniger alszu ihrer ersten heiligen Lebensart verbunden wären. Sie waren demSieger gleich/ der durch gewisse anlockende Maximen sich Völker un-terwürfig macht; so bald sie sich ihm aber unterworfen haben / dieseMaximen zu seinem eigenen Schaden verläßt.

Das Schwerdt nutzt man im Kriege/ und im Frieden trägt mancS zur Zierde. Im Kriege sorgt man nur, daß es scharf ist. ImFrieden putzt man cS auS/ und giebt ihm durch Gold und Edelsteineeinen falschen Werth.

So lange die Kirche Krieg hatte/ so lange war sie bedacht, durchein unsträfliches und wunderbares Leben, ihrer Religion diejenigeSchärfe zu geben, der wenig Feinde zu widerstehen fähig sind. Sobald sie Friede bekam, so bald fiel sie darauf, ihre Religion auSzuschmücken, ihre Lehrsätze in eine gewisse Ordnung zu bringen, unddie göttliche Wahrheit mit menschlichen Beweisen zu unterstütze».

In diesen Bemühungen war sie so glücklich, als man es nur hof-fen konnte. Rom, das vorher allen besiegten Völkern ihre väterlichenGötter ließ, das sie sogar zu seinen Göttern machte, und durch die-ses kluge Verfahren höher als durch seine Macht stieg, Rom wardauf einmal zu einem verabschcuungSwürdigcn Tyrannen der GewissenUnd dieses, so viel ich einsehe, war die vornehmste Ursache, warumdas römische Reich von einem Kaiser zu dem andern immer mehr undmehr fiel. Doch diese Betrachtung gehöret nicht zu meinem Zweck.Ich wollte nur wünschen, daß ich meinen Leser Schritt vor Schrittdurch alle Jahrhundertc führen und ihm zeigen könnte, wie das aus-übende Christenthum von Tag zu Tag abgenommen hat, da unterdes-sen das beschauende durch phantastische Grillen und menschliche Er-weiterungen zu einer Höhe stieg, zu welcher der Aberglaube noch nieeine Religion gebracht hat. Alles hicng von einem Einzigen ab, derdesto öfterer irrte, je sicherer er irren konnte.

Man kennt diejenigen, die in diesen unwürdigen Zeiten zuerstwieder mit ihren eigene» Auge» sehen wollten. Der menschliche Ver-stand läßt sich zwar ein Joch auflegen; so bald man eS ihm aber zusehr fühlen läßt, so bald schüttelt er cS ab. Huß und einige andre,die daS Ansehen dcS Statthalters Christi nur in diesem und jene»Stücke zweifelhaft machten, waren die gewissen Vorboten von Män-nern, welche es glücklicher gänzlich über den Häuft» werfe» würde».