Gedanken über die HerriilMcr.
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Sie kamen. Welch feindseliges Schicksal mußte zwey Männerüber Worte, über ein Nichts uneinig werden lassen/ welche am ge-schicktesten gewesen wäre», die Religion in ihrem eigenthümlichenGlänze wieder herzustellen/ wenn sie mit vereinigten Kräften gearbeitethätten? Selige Männer/ die undankbaren Nachkommen sehen bey eu-rem Lichte/ und verachten euch. Ihr wäret es, die ihr die wankendenKronen auf den Häuptern der Könige feste setztet/ und man verlachteuch als die kleinsten, eigennützigsten Geister.
Doch die Wahrheit soll bey meinem Lobspruche nicht leiden. Wiekam eS, daß Tugend und Heiligkeit gleichwol so wenig bey eurenVerbesserungen gewann? Was hilft cS, recht zu glauben, wenn manunrecht lebt? Wie glücklich, wenn ihr uns eben so viel fromme alsgelehrte Nachfolger gelassen hättet! Der Aberglaube fiel. Aber ebendas, wodurch ihr ihn stürztet, die Vernunft, die so schwer in ihrer Sphärezu erhalten ist, die Vernunft führte euch auf einen andern Irrweg, derzwar weniger von der Wahrheit, doch desto weiter von der Ausübungder Pflichten eines Christen entfernt war.
Und ietzo, da unsre Zeiten — soll ich sagen so glücklich? oder sounglücklich? — sind, daß man eine so vortrcfliche Zusammensetzungvon GottcSgclahrhcit und Weltweisheit gemacht hat, worinnc man mitMühe und Noth eine von der andern unterscheiden kann, worinne einedie andere schwächt, indem diese den Glauben durch Beweise erzwin-gen, und jene die Beweise durch den Glauben unterstützen soll; jctzo,sage ich, ist durch diese verkehrte Art, das Christenthum zu lehren, einwahrer Christ weit seltner, als in den dunklen Zeiten geworden. DerErkenntniß nach sind wir Engel, und dem Leben nach Teufel.
Ich will cS dem Leser überlassen, mehr Gleichheiten zwischen denSchicksalen der Religion und der Wcltweisheit aufzusuchen. Er wirddurchgängig finden, daß die Menschen in der einen wie in der ander»nur immer haben vernünfteln, niemals handeln wollen.
Nun kommt cS darauf an, daß ich diese Betrachtung auf dieHcrrichlitev anwende. ES wird leicht seyn. Ich muß aber vorhereinen kleinen Sprung zurück auf die Philosophie thun.
Man stelle sich vor, es stünde zu unsern Zeiten ein Mann auf,welcher auf die wichtigste» Verrichtungen unserer Gelehrten von derHohe sci»cr Empfindungen verächtlich herabsehen konnte, welcher miteiner sokratischen Stärke die lächerlichen Seiten unserer so gepriesenenWcltwcise» zu entdecken wüßte, und mit einem zuversichtlichen Toneauszurufen wagte: