96 Bemerkungen über Burkc's philosophische Untersuchungen :c.
gnügcn nicht bloß die anschauende Erkenntniß einer' Vollkommenheit?— Ich weiß gar nicht/ waS ich hierbei? denken soll °).
Unterdessen hat mich meine Erklärung der Liebe auf eine ähnlicheErklärung des Hasses geleitet, bey der ich einen dergleichen Widerspruchnicht verdauen darf").
So wie ich mir bey der Liebe, dcS Unterschiedes zwischen mir undder geliebten Person nicht bewußt bin, so bin ich mir hingegen die-ses Unterschiedes zwischen mir und der gehaßten Person nur allzusehrbewußt.
Da ich mir nun die Person, die ich hasse, als eine solche denke,die von mir völlig unterschieden ist, so kann cS nicht fehlen f), daßnicht der Begriff einer Vollkommenheit in ihr, in mir den Begriff ei-ner Unvollkommcnhcit, und umgekehrt der Begriff einer Unvollkom-mcnhcit in ihr, in mir den Begriff einer Vollkommenheit erweckensollte. Geschähe dieses nicht, so würde ick die gehaßte Person mirgleich und nicht von mir unterschieden denken, welches wider die Vor-aussetzung ist-Z-f).
Wir freuen uns folglich nicht über des Feindes Unvollkommcnheit,sondern über unsere Vollkommenheit, die wir uns bey jener geden-ken. Und so auch mit unserm Verdruss- über die Vollkommenheit dcSFeindes.
Wenn meine Erklärung der Liebe den Menschen erniedriget, so er-höht ihn meine Erklärung des Hasses um eben so viel, da ich ihn voneiner so abscheulichen Eigenschaft, an einer Vollkommenheit Mißvcr-
°) Dieser Einwurf ist zur Gm'igc beantwortet worden. Mcndelss.
") Sie sollen zugleich an die Ursachen der Feindschaft gedenken, dieWolf mit gutem Borbrdacht nicht hat wolle» in die Definition des Hassesbringe». Die nächste Ursache des Hasses ist die Bctracknung, das; der Klüeks-stand dieses Menschen mir oder aiidcrn Mciischen, die ich liebe, schädlichseyn kann, und zwar durch Verschulden, indem ich ih« als moralisch unvoll-kommen crkaunt habe. Mendelssohn .
1°) Wie folgt dieses? Daraus daß eine andere Person von mir umcr-schicden ist, folgt kcmeswegcs, daß sie mir völlig entgegengesetzt sev; undvöllig cutgegcngcsctzt müssen sich die Personen zweyer Feinde seyn, wen»Ihre Erklärung richtig scvn soll. Mendelssohn .
1"!°) Ich sehe nicht ein wie dieses folgt. Warum kann ich mit meinemFeinde über Recht und Unrcckt, über Wabr und Falsch einstimmig sevn?Warum trennen wir »ns nur alsdann, wenn es Urtbcile über Vollkommen-heit oder Unvollkommcnhcit betrifft, die einen von uns selbst angeben?