Ich mag mir die Wirklichkeit der Dinge außer Gott erklären, wie ichwill, so muß ich bekennen, daß ich mir keinen Begriff davon machen kann.
Man nenne sie das Complemenr der Möglichkeit; so frageich: ist von diesem Complemenre der Möglichkeit in Gott ein Begriff,oder keiner? Wer wird das Letztere behaupten wollen? Ist aber ein Be-griff davon in ihm, so ist die Sache selbst in ihm; so sind alle Dingein ihm selbst wirklich.
Aber, wird man sagen, der Begriff, welchen Gott von der Wirk-lichkeit eines Dinges hat, hebt die Wirklichkeit eines Dinges außerihm nicht auf. Nickt? So muß die Wirklichkeit außer ihm etwas ha-ben, was sie von der Wirklichkeit in seinem Begriffe unterscheidet.Das ist: in der Wirklichkeit außer ihm muß etwas seyn, wovon Gott keinen Begriff hat. Eine Ungereimtheit! Ist aber nichts dergleichen,ist in dem Begriffe, den Gott von der Wirklichkeit eines Dinges hat,alles zu finden, was in dessen Wirklichkeit außer ihm anzutreffen: sosind beide Wirklichkeiten Eins, und alles, was außer Gott existircnsoll, cxistirt in Gott .
Oder man sage: die Wirklichkeit eines Dinges sey der Inbe-griff aller möglichen Bestimmungen, die ihm zukommen kön-nen. Muß nicht dieser Inbegriff auch in der Idee Gottes seyn/Welche Bestimmung hat das Wirkliche außer ihm, wenn nicht auchdas Urbild in Gott zu finden wäre? Folglich ist dieses Urbild dasDing selbst, und sagen, daß das Ding auch außer diesem Urbild cri-stirc, heißt, dessen Urbild auf eine eben so unnöthigc als ungereimteWeise verdoppeln.
Ich glaube zwar, die Philosophen sagen, von einem Dinge dieWirklichkeit außer Gott bejahen, heiße weiter nichts, als dieses Dingbloß von Gott unterscheiden, und dessen Wirklichkeit von einer andernArt zu seyn erklären, als ke nothwendige Wirklichkeit GottcS ist.
Wenn sie aber bloß dieses wollen, warum sollen nicht die Begriffe,die Gott von den wirklichen Dingen hat, diese wirklichen Dinge selbstseyn? Sie sind von Gott noch immer genugsam unterschieden, undihre Wirklichkeit wird darum noch nichts weniger als nothwendig,weil sie in ihm wirklich sind. Denn müßte nicht der Zufälligkeit,die sie außer ihm haben sollte, auch in seiner Idee ein Bild cntsprc-
°) Gedruckt in Lessings Lebe» «, S. 164; wie Karl Lessing S. 93.sagt, „an Moses Mendelssohn gerichtet."