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11 (1839)
Entstehung
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124
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Ueber die Wirklichkeit der Dinge außer Gott .

chen? Und dieses Bild ist nur ihre Zufälligkeit selbst. Was außerGott zufällig ist, wird auch in Gott zufällig seyn, oder Gott müßtevon dem Zufälligen außer ihm keinen Begriff haben. Ich brauchedieses außer ihm, so wie man es gemeiniglich zu brauchen pflegt, umaus der Anwendung zu zeigen, daß man es nicht brauchen sollte.

Aber, wird man schreien: Zufälligkeiten in dem unveränderlichenWesen Gottes annehmen! Nun? Bin ich cS allein, der diesesthut? Ihr selbst, die ihr Gott Begriffe von zufälligen Dingen beile-gen müßt, ist euch nie bcigefallcn, daß Begriffe von zufälligen Din-gen zufällige Begriffe sind?

Durch Spinoza ist Leibnitz nur auf die Spurder vorherbestimmten Harmonie gekommen.*)

Ich fange bei dem ersten Gespräche an. Darin bin ich noch IhrerMeinung, daß es Spinoza ist, welcher Leibniizen auf die vorherbe-stimmte Harmonie gebracht hat. Denn Spinoza war der erste, wel-chen sein System auf die Möglichkeit lcilctc, daß alle Veränderungendes Körpers bloß und allein aus desselben eigenen mechanischen Kräf-ten erfolgen könnten. Durch diese Möglichkeit kam Lcibniy auf dieSpur seiner Hvvothese. Aber bloß auf die Spur, die fernere AuS-spinnung war ein Werk seiner eigenen Sagacität.

Denn daß Spinoza die vorherbestimmte Harmonie selbst, gcsehtauch nur so, wie sie in dem göttlichen Verstände ünlececlenler s<I <le-creluw cristirt, könne geglaubt, oder sie doch wenigstens von weitemim Schimmer könne erblickt haben- daran heißt mich alles zweifeln,was ich nur kürzlich von seinem Systeme gefaßt zu haben vermcync.

Sagen Sie mir, wenn Spinoza ausdrücklich behauptet, daß Leibund Seele ein und eben dasselbe einzelne Ding sind, welches man sichnur bald unter der Eigenschaft des Denkens, bald unter der Eigen-schaft der Ausdehnung vorstelle, (Sittenlehre, Th- II. §- 126.) wasfür eine Harmonie hat ihm dabei einfallen können? Die größte, wirdman sagen, welche nur seyn kann; nehmlich die, welche das Dingmit sich selbst hat. Aber, heißt das nicht mit Worten spielen? DieHarmonie, welche das Ding mit sich selbst hat! Leibniy will durchseine Harmonie das Räthsel der Vereinigung zweier so verschiedenerWesen, als Leib und Seele sind, auflösen. Spinoza hingegen sieht

°) Lessings Leben II, S. 107. Bcrql. den Brief an Mendelssohnvom 17. April 1703.