Zum Lavkoon,
133
Allein der Fehler des Mahlers ist unendlich ungereimte/, als derFehler des DichrecS. Denn
t hat der Mahler die Mittel nicht, welche der Dichter hat, unsererEinbildungskraft in Ansehung der beleidigten Einheit der Zeit unddeS OrtcS zu Hülfe zu kommen. DaS Mittel der Perspectiv istdazu nicht hinreichend.
?. Der Fehler deS Dichters behält noch immer eine gewisse Propor-tion mit der Wahrheit. Wenn wir in dem ersten Acte in Rom und in dem zweyten in Aegypten sind, so sind wir doch in diesenbeyden Orten nur nach und nach: wenn der Held im ersten Acteheyrathct, und im zweyten schon erwachsene Kinder hat, so bleibtdoch noch immer zwischen beyden eine Zwischenzeit: anstatt daß beydem Mahler nothwendig alle verschiedne Orte in einen Ort, undalle verschiedne Zeiten in einen Zeitpunkt zusammen fließen, weilwir alles in ihm auf einmal übersehen.
3. Welches daS voniehmste ist: weil in dem Gemählde die Einheitdes Helden verlohrcn geht. Denn da ich alles auf einmal darinnübersehe, so sehe ich den Helden zugleich mehr als einmal, welcheseinen höchst unnatürlichen Eindruck macht.
p. 37. Raphacl hat in einem von seinen Gemählden im Vatican,welches die wunderbare Bcfreyung des h. PctruZ aus dem Gefängnissevorstellet, ein dreyfaches Licht angebracht. DaS eine ist der Ausflußvon dem Engel, daS zweyte ist die Wirkung einer Fackel, und daSdritte ist der Schein deS Monde». Alle diese drey Lichte haben jedesseine ihm eigenthümlich zukommende Scheine und Widerscheine, undmachen zusammen einen wunderbaren Effect.
Diese Schönheit ist vermuthlich eine von denen, auf die Raphaelvon ungefehr gekommen ist. Als eine solche verdient sie alles Lob.Seine vornehmste Absicht war sie nicht; und sie wird auch daher wederdie erste, noch die einzige Schönheit in seinem Stücke seyn.
p. 49. Hannibal Caraccio wollte in einem Gemählde nicht überzwölf Figuren verstatten.
Rubens in seiner Auferstehung des LazaruS in SanSsouci hat denAugenblick genommen, da LazaruS schon lebendig aus dem Grabe her-auskömmt. Ich glaube auch daß dieses der eigentliche ist, und fälltdabey die Nothwendigkeit, sich die Nase zuzuhalten, weg- denn mit